Schriftstellerin Felicitas Hoppe über das Reisen : „Mit dem Reisen ist es wie mit einer Krankheit“

Kalkutta, die Freiheitsstatue, lange Wochen im Pazifik: Felicitas Hoppe reist viel. Warum sie Löcher neben Fenster bohrt und in der Badewanne Trost sucht.

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Felicitas Hoppe.
Felicitas Hoppe.Foto: Mike Wolff

FELICITAS HOPPE, 54, Schriftstellerin, schreibt Romane („Pigafetta“) und Erzählungen („Picknick der Friseure“). Die Büchner-Preisträgerin lebt in Berlin, wenn sie nicht gerade auf Reisen ist – meistens. Hier stellt sie am 25. Juni in der Deutsche Bank Kunsthalle ihr neues Reiseprojekt vor, das sie in die USA führen wird.

Frau Hoppe, wir treffen Sie in Ihrer Berliner Wohnung. Ehrlich gesagt sind wir überrascht, dass Sie überhaupt ein Zuhause haben.

Mein Leben ist eine Art Hopping. Manchmal bin ich drei Wochen am Stück weg, wie letztes Jahr in Schanghai und Südafrika, dann wieder ein paar Tage hier, anschließend eine Woche auf Lesereise. Im Moment sitze ich in den Walliser Bergen und schreibe in der Einsiedelei, die ich gemietet habe.

Sie haben in Rom und Oregon studiert, in Washington unterrichtet, waren unter anderem zu Gast in Japan und der Ukraine, 1997 haben Sie auf einem Frachtschiff die Welt umrundet. Ein Kritiker nannte Sie „Wandervogel“…

… ein Wandervogel ist gern unterwegs. Das ist bei mir absolut zwiegespalten. Schriftsteller sind heutzutage gehalten, zu reisen – um im Gespräch zu bleiben, sich zu vermarkten, mit Lesungen Geld zu verdienen. Seit vielen Jahren mache ich nur noch fremdbestimmte Reisen. Für mich ist das eine unglaubliche Entlastung, dass mir jemand sagt, wo ich hinfahren soll. Ich ziehe es vor, an Orte zu kommen, wo ich etwas zu tun habe. Zugleich ist das Reisen natürlich eine große Inspirationsquelle.

Fühlen Sie sich gerne fremd?

Mit dem Reisen ist es wie mit einer Krankheit: Sie verändert einen Menschen nicht im Kern, bringt nur seine Konturen deutlicher hervor. Wer sich selber sucht, sollte nicht unbedingt auf Reisen gehen – ist man keine halbwegs stabile Person, kann das gefährlich sein.

Ihre Wohnung wirkt sehr aufgeräumt. Souvenirs sehen wir hier gar keine.

Es gibt welche, in einer Kiste hinten in meiner Kammer. Ich bin keine Sammlerin. Man bekommt auf Reisen natürlich unglaublich viel geschenkt. Vor allem, wenn man als verkappter Kulturdiplomat reist und an einem Goethe-Institut, einer Universität oder Schule zu Gast ist. In Indien hat mir ein Kollege mal 140 Bücher geschenkt. Alle von ihm.

Und was haben Sie dann fürs Übergepäck bezahlt?

Ich war damals acht Wochen in Indien und Pakistan unterwegs. Auf der Weiterreise habe ich in jedem Hotelzimmer ein paar Bücher dahin gelegt, wo bei uns die Bibeln liegen. Ich reise grundsätzlich nur mit einem Koffer.

Was ist für Sie unverzichtbar?

Das Schweizer Messer. Und ich würde nie mit nur einem Paar Schuhe reisen.

Ihr liebstes Verkehrsmittel?

Allen Warnstreiks zum Trotz die Bahn. Das sind meine besten Lesestunden.

Mögen Sie Hotels?

Ich bin seit jeher Bewunderin aller gastronomischer Einrichtungen und der Hotellerie. Als Kinder haben wir uns Familien erfunden, ich war mit einem dicken Kommissar verheiratet, und mein Vater war ein steinreicher Hotelier. Für mich ist klar, wenn eine Alternative infrage kommt zu diesem Beruf des Reisens und Schreibens, dann die, das ständige Gastsein umzukehren. Indem ich die Leute zu mir hole und sie bewirte.

Frau Hoppe, wie…

… es gibt natürlich noch einen Aspekt: die Hotel-Depression. Man steht dann in diesem Zimmer und sagt sich: Wie bin ich eigentlich hierher geraten? Auf längeren Lesereisen wechseln die Zimmer ständig. Es ist eine große Entfremdung. Ich packe dann die Koffer aus und benehme mich wie ein Hund: Ich markiere den Ort.

Aber Sie pinkeln nicht in die Ecke!

Ich lege meine Bücher hin und versuche, im Raum etwas zu verändern. Ich liebe es, wenn Sachen schräg stehen. Wenn es welches gibt, benutze ich in Hotels das Briefpapier.

Wie hat man Sie sich als Gastgeberin vorzustellen?

Das Entscheidende ist, dass sich die Leute ausbreiten können. Der Besuch kriegt mein Schlafzimmer, ich übernachte im Arbeitszimmer. Und ich gehe immer mit ihnen irgendwo hoch, wo man runtergucken kann. Nur auf den Fernsehturm müssen die Leute alleine. Der Fahrstuhl ist mir nicht geheuer.

Ist das ein grundsätzliches Problem?

Ich hatte ein traumatisches Erlebnis in Moskau. Das war noch zu Sowjetzeiten. Ich war in einem Riesenhotel untergebracht, im 26. Stock oder so. Die Leute quetschten sich zu zehnt in einen Fahrstuhl für fünf, alle hatten dicke Pelzmäntel an, ich kriegte so schon kaum Luft. Und dann blieb dieses Ding plötzlich stecken. Vielleicht 15, 20 Minuten. Als wir unten ankamen und sich die Tür öffnete, war das für mich wie eine Wiedergeburt. Seitdem habe ich diesen Knacks. Die Fahrstuhlfahrt war, glaube ich, nur der Auslöser. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich als Kind Asthma hatte.

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