Schüsse im Schweizer Menznau : Ein Jahr nach dem Amoklauf

Vor einem Jahr schießt im Schweizer Menznau ein Mann um sich. Drei Menschen sterben. Die Presse kommt, CNN, Bild, RTL – und macht das Dorf weltbekannt. Wie geht es den Menschen in Menznau heute? Ein Besuch.

Erwin Koch
Illustration: Elisabeth Moch

Dass das bei uns geschieht.

Überall sonst, aber nicht hier.

Als der Regierungsrat kam, vielleicht zwei Tage nach der Tat, sagt jetzt Gemeindepräsident Blum am hellen Tisch, als die Regierung hier war, um uns zu helfen oder zu trösten, am Freitag oder am Samstag, fragten wir uns: Was können wir tun, damit unser Dorf nicht zum Sinnbild des Grauens wird?

Das Dorf: Menznau, Luzerner Hinterland, mit Hügeln, Bächen und Wäldern, einem Bahnhof, einer Holzfabrik.

Menznau ist Teil der politischen Gemeinde gleichen Namens, bestehend aus drei Dörfern, 3000 Menschen: 6125 Menzberg im Westen, 6123 Geiss im Osten, 6122 Menznau dazwischen, vier Fünftel katholisch, zwei Fünftel Christlichdemokraten, ein Zehntel Ausländer.

Überall, aber doch nicht am Fuß des Napf.

Allein 120 arbeiten in der Kronospan, sagt Gemeindepräsident Beat Blum, ein ehemaliger Schreinermeister, und rührt im Kaffee, isst den Kuchen seiner Frau.

Seit 47 Jahren steht die Fabrik, ein Getüm aus Rohren, Trommeln und Kranen – Herstellung und Veredelung von Holzwerkstoffen – am Rand des Dorfes, Eigentum der Familie Kaindl. An sieben Tagen, rund um die Uhr, stoßen hohe metallene Kamine weißen Dampf in den Himmel, Züge bringen ständig neues Holz, neuen Leim, täglich verlassen 60 Bahnwagen, beladen mit Spanplatten, das Werk. Mit dem imprägnierten Papier, das hier täglich entsteht, ließen sich 100 Fußballfelder bedecken, mit dem Laminat 15, mit den lackierten Platten fünf.

Vom Kleinsten bis zum Größten, dem Hilfsarbeiter bis zum CEO, wir sind hier alle per Du, spricht Mauro Capozzo aufs Band, 49, Chief Executive Officer der Kronospan Schweiz AG, Willisauerstraße 37, in der Firma seit er 16 war.

Hilflosigkeit!, sagt Pfarreileiter Kuhn, ich empfand eine große Hilflosigkeit.

Bei mir war es Wut, fast grenzenlos, flüstert Cécile Gilli, Lehrerin im Dorfschulhaus von Menznau, zwei Bildschirme im Rücken, Zeichnungen an der Wand.

Wut darüber, dass jemand sich das Recht nahm, Menschen zu verletzen, Menschen zu töten, darunter die Mutter meiner Schülerin Fränzi.

Frau Gilli bricht ab.

Vielleicht ist Trauer das bessere Wort, sagt sie endlich und legt die Hände auf den Tisch des Lehrerzimmers, Wolhuserstraße 3a.

An einem Mittwoch, 27. Februar 2013, 8 Uhr 41, fuhr ein Arbeiter der Kronospan, Viktor B., Schweizer kosovarischer Abstammung, der an jenem Tag nicht zur Arbeit musste, in seinem Wagen aufs Gelände der Fabrik, ein ruhiger Mann, unauffällig, höflich, er parkte rückwärts.

Dass Angestellte in die Fabrik kommen, selbst wenn sie frei haben, ist nicht außergewöhnlich, sagt CEO Capozzo in seinem Besprechungsraum, Holzmuster im Regal, Farbmuster, Prospekte, Swiss Floor 2013, Königsklasse. Manche kommen, sagt Mauro Capozzo, aufgewachsen im nahen Willisau, aus Verbundenheit zum Betrieb, aus Liebe zum Gerät, an dem sie fast täglich stehen, sie kommen, oft im Leibchen mit dem Logo der Kronospan, um zu erfahren, wie es der Maschine geht, den Kollegen, sie setzen sich in die Kantine, essen ein Paar Wienerli, etwas Brot, reden, plappern, plaudern.

Die Kronospan, sagt Capozzo, sei Teil des örtlichen Selbstverständnisses.

Um 9 Uhr 06 lud Viktor B., 42, Ehemann, Vater von drei Kindern, ruhig und höflich, ein Foto, das er mit seinem Handy gemacht hatte – die Fensterfront einer Autogarage – auf sein Facebookprofil, trat dann ins Gebäude der Fabrik, in der er seit 14 Jahren arbeitete, schoss im Flur auf die vier Menschen, die dort standen. Jetzt wechselte er, die Pistole in der Hand, in die Nichtraucherkantine, 17 Personen saßen darin, duckten sich, als der Kollege zu schießen begann, unter Tische und Bänke, der Mann traf zwei Männer in den Kopf, streifte einen dritten. Schließlich nahm sich einer mutig den nächsten Stuhl und griff, am Kiefer von einer Kugel verletzt, den Schützen an. Ringend taumelten sie durch den Raum, plötzlich löste sich ein Schuss, kraftlos fiel Viktor B. auf den Angreifer, ein Dritter holte mit einem Stuhl aus, zog ihn dem Mann über den Rücken, jemand griff sich die Pistole und schmiss sie aus dem Fenster, ein anderer holte Kabelbinder, fesselte den Täter.

Was Gott sich am Morgen des 27. wohl gedacht habe, fragten mich viele, sagt Markus Kuhn, Pfarrleiter in Menznau seit vier Jahren, Ehemann, Vater: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, sagt er am langen Tisch des Pfarreizentrums Menznau, Willisauerstraße 2, dass Gott nicht wollte, was damals in der Kronospan geschah, mein Gott ist keiner, der irgendwelche Rätsel setzt, unlösbar für die Menschen, Gott ist für das, was vor vier Monaten geschah, nicht verantwortlich.

Kuhn drückt die Schultern hoch.

Es sei ein Irrtum zu glauben, dass sich im Menschenleben alles erklären lasse, sagt Gemeindepräsident Blum, schweigt und isst von der Roulade seiner Frau.

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