Der größte Schatz eines Dolmetschers ist Neugier

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Simultandolmetschen : „Deutsch und Französisch lieben einander als Sprache“
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Geschwindigkeit, das richtige Timing und Präzision sind essenziell für Dolmetscher, sonst könnte es schnell zu Missverständnissen kommen.
Geschwindigkeit, das richtige Timing und Präzision sind essenziell für Dolmetscher, sonst könnte es schnell zu Missverständnissen...Foto: imago/photothek

Eribon und Louis sprechen sehr elaboriert. Lilian-Astrid Geese liebt es, solche Redner zu übersetzen, weil sie gut arrangierte Details liebt. Sie selbst kommt aus einer Künstlerfamilie, und wenn man ihr zusieht, versteht man, warum sie nicht nur redet, also dolmetscht, sondern „spielt“. Betonungen werden mit Gesten unterstrichen, Pausen mit Mimik untermalt. Ist der Redner selbst langweilig, dann darf der Dolmetscher kein Gefühlsfeuerwerk abbrennen, doch ein wenig mehr Hingabe beim Dolmetscher ist erlaubt und kann einen Text, der vielleicht inhaltlich bedeutend ist, aber kompliziert vorgetragen wird, einen Hauch zugänglicher klingen lassen.

Ein erfahrener Simultandolmetscher muss sich immer auch entscheiden: Renne ich einem extrem schnellen Redner hinterher, oder löse ich die Situation anders auf? Geese sagt, wenn man es schaffe, Anschluss zu halten, wie beim französischen Philosophen und Schnellredner Étienne Balibar, dann gebe es auch mal Szenenapplaus aus dem Publikum für den Dolmetscher.

Das schmeichelt dem Ego, professioneller ist oft eine andere Lösung: „Ich muss den Leuten, die zuhören, vor allem den Gesamtinhalt mitgeben, aber nicht jeden Satz.“ Kluge Zurückhaltung statt blinden Tempos ist angebrachter. Um das richtig einschätzen zu können, muss der Dolmetscher perfekt vorbereitet sein.

Es kommt auf das richtige Timing an

Die Rede des Vortragenden selbst zu kennen, ist das eine. Man sollte zudem auch seine jüngsten Werke gelesen haben, wissen, aus welchem kulturellen und beruflichen Hintergrund er stammt, hören, wie er spricht. Der größte Schatz eines Dolmetschers, findet Geese, ist Neugier. Man sollte Lust darauf haben, „sich Wissen anzueignen, aufzusaugen und dann auch präsent zu haben“. Der Rest ist Handwerk.

Nach dem Studium hat Geese manchmal zur Vorbereitung im Auto versucht, den französischsprachigen Radiomoderator simultan zu übersetzen.

Beim Tempo ist es ein wenig so wie bei einem Sportler. Ein ganz junger Sprinter ist oft nicht so gut wie einer, der bereits ein paar Jahre Erfahrung hat. Geschwindigkeit, das richtige Timing und vor allem Präzision sind zudem verschiedene Anforderungen, die der Simultandolmetscher zeitgleich beherrschen muss. Sonst könnte es schnell zu Missverständnissen kommen.

Nicht immer bleibt der Dolmetscher im Hintergrund

Wie wichtig Präzision ist, hat die Dolmetscherin auf einer Konferenz der Strahlenopfer des russischen Atomkraftwerks Tschernobyl erlebt, als plötzlich weißrussische und amerikanische Delegationsteilnehmer anfingen zu streiten, und es sehr politisch wurde. Ein falsches Wort der Dolmetscher hätte diplomatische Verwicklungen auslösen können.

Einmal hatte sie Angst. Das war bei einem Auftritt der Schriftsteller Günter Grass und Salman Rushdie in der Berliner Akademie der Künste, den Geese dolmetschte. Kurz zuvor hatte Ayatollah Khomeini die erste Fatwa gegen Rushdie wegen seines Werkes „Die satanischen Verse“ ausgesprochen; Geese hoffte, dass „an diesem Tag niemand auf die Idee kommen möge, ein Attentat zu verüben“.

Nicht immer bleibt der Dolmetscher im Hintergrund. Einmal sollte sie die Rede eines Königs aus Afrika neben ihm auf der Bühne stehend übersetzen, ein paar Sätze er, dann sie, so weit die Theorie. Der Mann hielt seine Rede aber in einem Rutsch und setzte sich danach einfach in die vorderste Reihe zurück ins Publikum. Niemand hatte ihn verstanden, jetzt musste Lilian-Astrid Geese die Rede alleine auf der Bühne noch einmal halten: „Der König war sehr leidenschaftlich, also war ich es auch.“ Es gab Applaus. Die Frau im Hintergrund war plötzlich die Hauptfigur – und verbeugte sich. Der König war zufrieden.

„Es ist wie Schweben, vielleicht lege ich sogar die Beine auf den Tisch“

Bedrohlich wird es selten, aber wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen, kann es schon mal ungemütlich werden. Nicht nur äußerlich. Normalerweise dauert ein Arbeitstag nicht länger als sechs Stunden inklusive Pausen, dazu gehören zwei Dolmetscher in einer Kabine. Aber wenn der Einsatz länger geht oder ein Ko-Dolmetscher plötzlich ausfällt, steigt der Stresspegel und verändert den Körper.

Geese sagt, bei ihr werden dann „die Fingerspitzen taub, es fällt immer schwerer, schöne Worte zu finden, Müdigkeit macht sich breit.“ Man sei auf einmal genervt von den Inhalten, vor allem wenn es welche sind, die man nicht gerne teilen mag: „Mein schlimmstes Kopfkino beginnt in dem Moment, wenn ich die Dinge inhaltlich nicht mehr verstehe.“ Da helfen später nur Sport und Schlaf.

Es gibt aber auch den anderen Fall. Ein französischer Autor etwa, den sie besonders gut findet. „Es ist ein kleines bisschen wie Schweben, ich bin entspannt, vielleicht lege ich sogar die Beine auf den Tisch.“

In diesen Momenten steigt etwas in ihr hoch: „Ich fühle, wie ich dabei helfe, gute Gedanken zu verbreiten.“

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