StrandLEKTÜRE : Ein echter Seuchen-Krimi

Neue Seuchen haben was von einem Krimi. Die Mörder sind winzig und unberechenbar.

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Sie tauchen aus dem Nichts auf – auf einem Markt, in einem Tempel oder Palmenhain. Sie verbreiten Angst und verschwinden wieder, als sei nie etwas geschehen. Die Spuren, die sie hinterlassen, sind schwerer zu finden und zu deuten als alles, was ein CSI-Ermittler jemals zu bewältigen hatte. Gleichzeitig geht es um viel mehr: Ist Virus XY ein echter Serienkiller wie vor ihm die Pest oder die Spanische Grippe?

2013 brachte gleich zwei neue Verdächtige ins Revier der Virologen: das Coronavirus Mers, das vor allem auf der Arabischen Halbinsel 77 Menschen nachweislich krank gemacht und mehr als die Hälfte von ihnen getötet hat, und die Vogelgrippe H7N9 in China, mit der sich mehr als 130 Menschen angesteckt haben. Beide stammen aus der Tierwelt, wie alle großen Seuchen. Noch wissen wir nicht, ob sie zur nächsten Pandemie werden könnten oder ob es bei einigen tragischen Schicksalen bleibt.

Diese Unsicherheit ist nicht ungewöhnlich, sie ist die Regel. Wie kompliziert die Suche nach den Verstecken der Viren ist, wie viele falsche Fährten es da gibt, kann man in David Quammens „Spillover“ lesen (deutsch im September bei DVA, das englische Original ist seit 2012 zu haben).

Die Idee zum Buch hatte Quammen vor zwölf Jahren, an einem Lagerfeuer, mitten im Regenwald von Gabun. Er hatte dort im Gefolge eines Forschers Thony und Sophiano getroffen. Die Männer erzählten ihm von der Ebola-Epidemie in ihrem Dorf. Sophiano hatte sechs Angehörige verloren, eine Nichte starb in seinen Armen. Doch sie waren nicht die einzigen Opfer. Nicht weit vom Dorf lagen 13 tote Gorillas.

Der Mensch ist eben auch nur ein Tier. So wie Seuchen von Tierart zu Tierart springen können, so schaffen sie auch den Sprung zum Menschen. Im Buch kehrt Quammen zu den Tatorten zurück. Weit in den Südosten Kameruns, wo um 1908 erstmals ein Schimpanse einen Menschen mit HIV infizierte. In die Fledermaushöhlen im Süden Chinas, wo die Vorfahren des Virus Sars heimisch sind. Auch in niederländische Ziegenställe, von wo sich das Q-Fieber verbreitete. Dabei flicht er Reportage, Wissenschaftsgeschichte und Virologie so kunstvoll zusammen, dass es auch für Laien zur Urlaubslektüre taugt.

Helden des Buches sind die Wissenschaftler. Die, die Tag für Tag im Labor die Tricks der Viren und Bakterien enträtseln. Und die im Feld auf der Jagd nach Spuren – trotz aller Vorsicht – ihr Leben riskieren. Tier betäuben, Probe nehmen, fertig. Einfach? Mitten in einer wildgewordenen Affenhorde ist es ein Kunststück. Wie viel Geschick es verlangt, hat Quammen beobachtet, als er Forschern in eine Tempelanlage in Bangladesch folgte, um Blutproben der dort lebenden, meist mit Herpes B infizierten Makaken zu nehmen.

Der Sprung über die Artengrenze funktioniert übrigens in beide Richtungen. Ökotouristen zum Beispiel schleppen die Masern bis an die Hänge von zentralafrikanischen Vulkanen. Sie wollen dort die letzten Berggorillas sehen, ihnen möglichst nahe kommen. Für die Tiere jedoch ist die Menschenseuche eine weitere tödliche Bedrohung.

Jana Schlütter arbeitet im Wissenschaftsressort des Tagesspiegel.

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