Vartan Bassil und seine "Flying Steps" : Wie ein Berliner zum Breakdance-Weltstar wurde

Er tanzte vom Nauener Platz nach Las Vegas. Seine "Flying Steps" gehören zu den besten Breakdancern überhaupt. Die beispiellose Karriere des Vartan Bassil.

Damals und heute bestimmte die Suche nach dem ausgefallensten Move Vartan Bassils Leben.
Damals und heute bestimmte die Suche nach dem ausgefallensten Move Vartan Bassils Leben.Foto: Thilo Rückeis

Bloß keinem verraten, was Papa beruflich macht, schärfte Vartan Bassil seiner Tochter ein, als sie die Grundschule besuchte. „Ich hatte Angst vor dieser Frage. Ich schämte mich“, sagt er.

Hätte sie erzählen sollen, dass ihr Vater einer der berühmtesten Breakdancer ist? Dass er vier Mal mit seiner Truppe Weltmeister wurde? Dass sein Tanzstil in den 90ern imitiert wurde? Seine Wohnung vollsteht mit Pokalen und Medaillen? Sein bester Freund und Crewkollege Benny den Weltrekord im Headspin – Rotation auf dem Kopf – hält? 60 Mal!

Dann hätte sie auch sagen müssen, dass sich damit leider kein Geld verdienen lässt. Dass Vartan Bassil, als seine Freundin ihm damals sagte, sie sei schwanger, einen ziemlichen Schrecken bekam. Wie sollte er mit ein bisschen Rumgetanze eine Familie ernähren?

Heute ist Bassils Tochter 16. Ihre Klassenkameraden zahlen 70 Euro, um die Shows anzuschauen, mit denen ihr Vater durch die Welt tourt: „Flying Bach“, Urban Dance aufs Wohltemperierte Klavier, Headspins statt Pirouetten von Katar bis Chile; seitdem weiß Bassil, was eine Fuge ist, und wie sich eine Premiere im Foyer der Neuen Nationalgalerie anfühlt. „Flying Illusion“, eine Mischung aus Tanz und Zauberei, die Bassil sich eigens bei Magiern in Las Vegas abgeschaut hat. Gerade ist sie wieder in Europa zu sehen. Vier Lastwagen transportieren die Bühne, Pina Bausch lobte Bassils Tänzer.

1989 hat er zum ersten Mal Breakdance gesehen, die Berliner City Rockers

Wie er von Wedding auf die Roten Teppiche kam, will Bassil, 42, Kappe auf dem Kopf, Hände in den Jackentaschen, nun am Nauener Platz erklären. Hinter ihm ein gelbes Gebäude, an den Wänden Graffiti, davor kicken ein paar Jungs. Im „Haus der Jugend“ trainierten Anfang der 90er Bassils Flying Steps. Eine Säule teilte den Raum; Bülent, Amigo, Benny und Bassil, jeder hatte eine Ecke. Im Winter beschlugen alle Scheiben, so sehr schwitzten sie.

Gut und Böse kämpfen in der neuen Urban-Dance-Show "Flying Illusion" gegeneinander. Zwölf Tänzer erzählen davon zu Orchestermusik und Zaubertricks.
Gut und Böse kämpfen in der neuen Urban-Dance-Show "Flying Illusion" gegeneinander. Zwölf Tänzer erzählen davon zu Orchestermusik...Foto: Ruud Baan/redBullContentPool

Bassil blickt zu einem der Fenster hinauf. Im großen Saal hat er 1989 zum ersten Mal Breakdance gesehen, die Berliner City Rockers. Bis dahin hatte er geglaubt, dass die Tanzfiguren, die Moves, aus Filmen wie „Beat Street“ oder „Wild Style“ nicht echt seien. Dass man ihn durch geschickte Schnitte glauben lasse, Menschen könnten wirklich auf ihren Händen laufen wie auf Beinen. Könnten sich wirklich minutenlang auf dem Rücken drehen, die Gliedmaßen ineinander verknoten. Falls doch, könnten diese Künstler keinesfalls Deutsche sein.

Bassil, damals 15 Jahre alt, erkannte: Das gibt es wirklich. Und: Das gibt es in meiner Stadt. Von da an verbrachte er jede freie Minute damit, seinen Körper zu verrenken. Kam mit Schürfwunden an den Schultern nach Hause, mit blauen Flecken und Zerrungen, mit beim Handstand gebrochenen Fingern. „Wie lange willst du das noch machen?“, fragte seine Mutter.

"Damals wurden Leute vor meinen Augen abgestochen"

Obwohl sie nicht einverstanden war mit der zunehmenden Vorliebe ihres Sohns für gefährliche Körperverletzung, nähte sie Schwammtücher in Wollmützen, damit seine Beulen wenigstens nicht gar so arg würden. (Ehemalige Headspinner erkennt man heute an Druckstellen am Kopf.) Auf der Außenseite brachte sie ein Stück ausgeschnittene Einkaufstasche an, aus reißfestem Plastik. An der Tankstelle kaufte Bassil Silikonspray. „Macht den Boden smoother.“

Die Reibung verringern. Man kann diesen Gedanken auf Vartan Bassils Leben anweden. 1975 wurde er in Beirut geboren, ’82 floh die Familie nach Berlin. Er wuchs in Reinickendorf und im Wedding auf. Wer zu dieser Zeit aussah wie er und sich nachts draußen rumtrieb, hatte meist etwas mit den Gangs zu tun: den Black Panthers, oder den 36ers, die sich an U-Bahn-Haltestellen um ihre Ehre prügelten. „Damals wurden Leute vor meinen Augen abgestochen“, sagt Bassil. „Aber es gab ein ungeschriebenes Gesetz, dass wir Breakdancer unantastbar waren.“

Deshalb ist es nicht nur traditionsbewusst, wenn Bassil jetzt, vor dem Hähnchengrill am Nauener Platz, wo er sich einst mit 2,50-Mark-Döner für den nächsten Powermove stärkte, von den Wurzeln des Hip-Hop spricht. Davon, wie sich in den frühen 70ern in der Bronx Sprühen, Rappen und Breakdance als Alternative zu Gewalt entwickelten. Wie James Brown und Michael Jackson, Stepptanz und Kung-Fu-Filme, Zirkusakrobatik und Salsa sich zu einer neuen Kunstform vermischten. Battles, getanzte Schlachten, waren auch in Bassils Leben wichtiger als Territorialstreits. „Ich weiß nicht, wo ich heute ohne Breakdance wäre.“

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