"U-Bahn fahren mag ich nicht so gerne"

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Von Wuppertal über Berlin bis Tokyo : Wim Wenders über seine Lieblingsstädte
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Regisseur Wim Wenders wird dieses Jahr, am 14. August, 70 Jahre alt.Alle Bilder anzeigen
Foto: Breuel Bild/Daniel Hinz
27.03.2015 14:45Regisseur Wim Wenders wird dieses Jahr, am 14. August, 70 Jahre alt.

Tokyo. In Tokyo war ich so häufig wie kaum irgendwo sonst: Nach ungefähr hundert Besuchen habe ich aufgehört zu zählen. Schon als ich 1977 das erste Mal dorthin kam, hatte ich das Gefühl, in eine Stadt zurückzukehren, die ich gut kannte. Das lag daran, dass mein Lieblingsregisseur Yasujiro Ozu fast alle seine Filme in Tokyo gedreht hat. Über 50 Jahre hat er die Veränderungen seiner Stadt langsam, fast seismografisch festgehalten: wie sie zunehmend verwestlicht wurde, besonders unter dem Einfluss der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus Anlass von Ozus 20. Todestag habe ich 1983 „Tokyo-Ga“ gedreht. Dabei entstand dieses Foto. Es zeigt einen Friedhof während des Kirschblütenfests – zu dieser Zeit wurde da überall gegrillt und gepicknickt, Decken waren ausgebreitet, die Männer haben getrunken, die Kinder Baseball gespielt. Ein Ort, der den Toten gewidmet war, aber von den Lebenden genutzt wurde, um den Frühling zu feiern. Das hat mich sehr gerührt. Weil man so ein Fest nicht mit einem Friedhof verbindet und schon gar nicht mit den so disziplinierten Japanern. Meine Lieblingsgegend ist das Vergnügungsviertel Golden Gai, ein Areal winziger Häuser inmitten des Wolkenkratzerbezirks Shinjunku. Dort gibt es klitzekleine Bars: zehn Gäste, und schon ist es rappelvoll. Im „La Jetée“, benannt nach einem Film von Chris Marker, habe ich meine eigene Flasche Wodka stehen. Wenn ich nach Tokyo komme, bin ich dort am ersten und am letzten Abend – und oft auch dazwischen.

Wuppertal. U-Bahn fahren mag ich nicht so gerne, weil man immer nur in dunklen Schläuchen unterwegs ist. In Berlin bin ich viel mit der S-Bahn unterwegs, da kann man rausgucken und das Fahrrad mitnehmen. Auch Trambahnen gefallen mir, besonders wenn sie sich wie in Lissabon quietschend durch verwinkelte Straßen bewegen. Aber das Größte ist für mich die Schwebebahn in Wuppertal! Eine alte Utopie, die immer noch Anziehungskraft besitzt. Als die Bahn um die Jahrhundertwende gebaut wurde, war Wuppertal noch reich, unter anderem dank der chemischen Industrie. Deswegen hat man sich diese bis heute einzigartige Extravaganz geleistet. Die Stadt liegt in einem lang gestreckten Tal, links und rechts der Wupper ist wenig Platz, insofern war es die ideale Lösung, eine Bahn über dem Fluss zu bauen. Sie stört den Verkehr nicht, und von oben hat man eine tolle Aussicht. Als Kind habe ich in Düsseldorf gewohnt, ich muss noch auf der Volksschule gewesen sein, als wir einen Ausflug nach Wuppertal gemacht haben und ich dieses riesige, brummende Insekt mit seinen hohen Beinen das erste Mal gesehen habe. Ich fand das sensationell. Mein Film „Alice in den Städten“ spielt nur 15 Minuten in Wuppertal, aber die Schwebebahn kommt ständig darin vor. Die Hauptfiguren fahren mit der Bahn, später ist sie oft im Hintergrund zu sehen, dann spiegelt sie sich in einer Scheibe. Wir haben die Schwebebahn wirklich gemolken!

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