Wandern in Sierra Nevada : Auf der Suche nach der verlorenen Stadt

Verborgen in den kolumbianischen Bergen liegt die Ciudad Perdida. Jahrhundertelang war sie ein religiöses Zentrum – dann verschluckte sie der Urwald.

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Die Verlorene Stadt war einst das Zentrum der Tayrona-Kultur. Davon ist heute nicht mehr übrig. Foto: Philipp Lichterbeck
Die Verlorene Stadt war einst das Zentrum der Tayrona-Kultur. Davon ist heute nicht mehr übrig.Foto: Philipp Lichterbeck

Die Beine stecken in Gummistiefeln, die langen schwarzen Haare wehen im Wind. Leichtfüßig nimmt der Kogi die Steigung. Auf der Stirn des kleingewachsenen Indios in weißer Tunika und weißen Hosen: kein Schweißtropfen.

Oben angekommen, bleibt er stehen, holt aus seiner Umhängetasche einmal mehr den Poporo, einen faustgroßen ausgehöhlten Kürbis mit langem Hals. Das Gefäß ist mit Muschelkalk gefüllt. Der Kogi nimmt einen Stab, leckt daran, steckt ihn hinein und reibt die Spucke am Kürbis ab. Mit den Monaten wird der Poporo durch die Kalkablagerungen immer wuchtiger – bis er schließlich groß wie eine Honigmelone und zu groß ist, um im Beutel mitgeführt zu werden. Dann wird ein neuer Poporo in Angriff genommen. Dem Kogi-Glauben zufolge stellt so eine gewachsene Kalabasse die Materialisierung der Gedanken ihres Besitzers dar. Je besser die Gedanken, umso imposanter der Poporo.

Als der Rest der Wandergruppe endlich die Anhöhe erklommen hat, ist der Indio mit seinem Poporo schon weg. Der Mann, der wie alle Kogi nur Weiß trägt und nicht nur Führer, sondern auch Koch ist, will vor der Wandergruppe im Camp sein, um das Abendessen vorzubereiten. Verlaufen kann sich trotzdem keiner. Hier im Dschungel der Sierra Nevada de Santa Marta windet sich nur ein schmaler Pfad.

Das Gebirge am nordöstlichsten Zipfel Kolumbiens ist das letzte Aufbäumen der Anden, bevor der südamerikanische Kontinent in die Karibik abfällt. Ihre beiden höchsten Gipfel zählen 5700 Meter und machen die Sierra Nevada zum zweithöchsten Küstengebirge der Welt. Küstengebirge, das ist hier ganz wörtlich zu verstehen. Nur einige Kilometer weiter unten kann man am Strand liegen, Cocktails trinken und sich vorstellen, wie der Wind über die schroffen Berge pfeift, die schneebedeckt am Horizont aufragen.

Jahrhundertelang lag Ciudad Perdida vergessen im Urwald

Ob dieser Perspektive ergibt sich natürlich die Frage, warum sich jemand diese Strapazen antut, durchgeschwitzt, verschlammt, von Moskitos attackiert und von Kogi verhöhnt. Die Antwort lautet: Ciudad Perdida – die Verlorene Stadt. Ein von Mythen umrankter Ort tief in der Sierra Nevada, zwei Tagesmärsche von der nächsten Siedlung entfernt.

Jahrhundertelang lag Ciudad Perdida vergessen im Urwald, bis Grabräuber 1972 auf eine steinerne Treppe im Dschungel stießen, deren Ende sie nur erahnen konnten, so weit führte sie einen Berg hinauf. Oben fanden die Männer die Mauern Hunderter kreisrunder Gebäude.

Die Anlage, so glaubt man heute zu wissen, war einst das religiöse und politische Zentrum der präkolumbianischen Tayrona-Kultur. Errichtet um das Jahr 800, wurde sie von ihren Bewohnern im 16. Jahrhundert wieder verlassen und vom Urwald verschluckt. Nur die Nachkommen der Tayronas, die Kogi, Arhuaco und Wiwa, besuchten die Ruinenstätte weiterhin sporadisch, hielten ihre Existenz aber geheim.

Nach und nach erreichen die Wanderer das Tagesziel. In einer so zusammengewürfelten Gruppe gibt es immer ein paar Bergziegen und solche, die in der Zivilisation keinen Fahrstuhl auslassen.

Heute wird hier niemand mehr entführt

Ab 1976 legte die kolumbianische Regierung Ciudad Perdida frei und stellte sie unter Denkmalschutz. Dennoch war der Besuch lange nur unter großen Risiken möglich. Der kolumbianische Bürgerkrieg beherrschte auch die Sierra Nevada. In den Bergen patrouillierte die linke Guerillatruppe ELN, die 2003 acht Ausländer aus Ciudad Perdida entführte. Weiter unten trieben rechte Paramilitärs ihr Unwesen.

Dazwischen lebten rund 30 000 Indigene, die Fremden den Zutritt zu großen Teilen der Sierra Nevada verweigerten. Sie tun dies bis heute. Nur eine einzige Route zur Verlorenen Stadt haben sie freigegeben. Dafür erhalten sie einen Teil der umgerechnet 250 Euro, die man für die viertägige Wanderung samt Unterkunft und Verpflegung zahlt.

Für die Sicherheit sorgt jetzt der Staat. Als am Vormittag in dem Dorf Machete Pelado die Wanderung beginnt, stehen dort Soldaten der kolumbianischen Armee. Die Botschaft ist klar: Hier wird niemand mehr entführt. Und so hat das Ende des Bürgerkriegs zu einem Boom der Trekkingtouren zur Ciudad Perdida geführt. Allein ist bei diesem Abenteuer jedenfalls niemand mehr.

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