Wohnungsmarkt in Berlin : Wie es sich anfühlt, zwangsgeräumt zu werden

Wohnungsmangel, Kündigungen und immer mehr Räumungsklagen: Der Wohnungsmarkt in Berlin wandelt sich, gerade in Gebieten, die immer schicker werden, fühlen sich die Alteingesessenen manchmal überhaupt nicht mehr willkommen. Vermieter und Eigentümer kämpfen mit immer härteren Bandagen. Drei Betroffene erzählen.

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Nicht mehr zu Hause. Maler Ali Gülbol im Kreuzberger Treppenhaus.
Nicht mehr zu Hause. Maler Ali Gülbol im Kreuzberger Treppenhaus.

Die Zahl der Mietkonflikte in Berlin steigt, sagt das Bündnis „Zwangsräumung verhindern“. Dagegen protestierten 2013 so viele wie nie zuvor. Hier erzählen drei betroffene Berliner ihre persönliche Geschichte.

Ali Gülbol, 42, Malermeister. Meine Frau und ich stehen am Fenster, es ist acht Uhr früh, draußen sind etwa 800 Polizisten, Hubschrauber, hunderte Demonstranten, die für uns schreien. Sie sagt: „Ist nicht weit runter, ich könnte springen.“ Dann weint sie. Fast ein Jahr ist es her, dass wir so aus unserer Wohnung in der Lausitzer Straße 8 geräumt wurden. Ich fühlte mich wie im Mittelalter. Der Stärkere hat recht, der Lehnsherr kickt den dummen Bauern raus. Seit letztem Februar hat sich mein Leben total verändert. Früher habe ich Kinder im Basketball trainiert. Jetzt engagiere ich mich gegen Zwangsräumungen.

Wir wohnen inzwischen bei meinen Eltern, die im selben Haus mieten. Zu siebt, auf 114 Quadratmetern. Ich bin abhängig: Wer weiß, wann es denen zu eng wird und ob der Vermieter sie nicht auch irgendwann rauskickt. Versucht hat er es schon. Ich habe das Gefühl, dass die Räumung meine Kinder aus der Bahn geworfen hat. Meine Söhne haben die Schule abgebrochen und sind kaum noch daheim.

Das ganze vergangene Jahr habe ich vergeblich nach einer neuen Wohnung für meine Familie gesucht. Ich würde fast mein ganzes Nettogehalt als Malermeister, bis 1100 Euro, dafür geben. Ich gebe zu, seit zwei Wochen habe ich resigniert. Mein Nachname macht es nicht leichter.

Ich will in meinem Kiez bleiben. Ich bin in diesem Haus aufgewachsen, habe hier neben dem Ofen als kleiner Junge tütenweise Bonbons gegessen. Diese Straße ist mein Zuhause, im Görlitzer Park spielten wir Verstecken. Im Urlaub habe ich Berlin vermisst.

Ich habe meinem alten Vermieter vertraut. Wir hatten ausgehandelt, dass die Miete nicht steigt und ich die Wohnung irgendwann kaufe, haben es aber nicht notariell festgelegt. Dafür habe ich selbst saniert, etwa 20 000 Euro reingesteckt. War eh einiges kaputt, die Elektronik marode, Bad und Dach undicht. Ich habe von einem perfekten Bad geträumt, mit schwarzem Granitboden, Natursteinen an der Wand. Das wird dein Schlösschen, hat der alte Vermieter gesagt. Das Leben war perfekt.

Ich hätte in den 90ern auch eine andere Wohnung kaufen können, damals war ja alles noch preiswert. Dann kam 2006 der Hammer, dass das Haus verkauft worden ist. Zunächst gab es nur eine Mieterhöhung, weil wir ja in einer super Gegend wohnen. Als sei das vorher nicht der Fall gewesen. Ich wehrte mich dagegen und unterlag vor Gericht. Dann verpasste ich eine Frist, die nicht einmal mein Anwalt kannte, weil das Gesetz so neu war. Kündigung, Zwangsräumung.

Die alte Wohnung steht bald ein Jahr leer. Als die Studenten, die einziehen sollten, meine Geschichte erfuhren, wollten sie nicht mehr. Ich finde es gut, dass solche Wohnungen nicht weitervermietbar sind. Ich wünsche mir, dass die Stadt das unterbindet: Leute, die lange irgendwo wohnen, können nicht einfach ausgetauscht werden, nur weil einer mehr Geld mitbringt.

Nicht mehr zu Hause. Maler Ali Gülbol im Kreuzberger Treppenhaus.
Nicht mehr zu Hause. Maler Ali Gülbol im Kreuzberger Treppenhaus.

Sascha, 40, erwerbslos. Ich kann meinen Namen nicht preisgeben. Mein Vermieter will mich loswerden, weil ich im Haus aktiv bin. Er könnte sonst argumentieren, ich hätte unser Vertrauensverhältnis zerrüttet. Schon hätte ich die nächste Kündigung im Briefkasten. Dabei habe ich gerade in zweiter Instanz gewonnen, ich darf bleiben.

Es ist immer das gleiche Prinzip, ich beobachte das hier im Wrangelkiez seit Jahren: Jemand kauft ein Haus und will es teurer weiterverkaufen. Dazu muss er sich der Mieter entledigen. Er schickt Briefe, setzt sie unter Druck, kündigt beim kleinsten Versehen.

Wie bei mir, als ich die Nebenkosten reklamierte. Der Deutsche Mieterbund geht davon aus, dass jede zweite Nebenkostenabrechnung fehlerhaft ist. Das ist kein Zufall, das ist strukturell.

Mein Vermieter reagierte mit einer Abmahnung, ich weigerte mich, falsche Kosten zu zahlen. Schließlich kam die Kündigung. Hartz-IV-Empfänger wie ich können sich nicht einfach so einen Anwalt leisten. Sie müssen das Amt überzeugen, dass sich Prozesskostenhilfe lohnt. Das sind Zugangshürden, die der Vermieter ausnutzen kann. Ich hatte Glück, ein befreundeter Mietrechtler half mir.

Viele zahlen aus Angst lieber gleich, treiben das Geld irgendwie auf. Die Situation ist ja existenziell, ohne Wohnung bist du nackt. Ich kenne einen Familienvater, der seit Wochen schlimme Magenschmerzen hat. Seine Kinder werden gehänselt: „Du musst raus!“, „Ihr habt kein Geld!“ Andere, wie Rosemarie Fliess, überleben eine Räumung nicht. Sie starb letzten April in einer Wärmestube.

Seit längerem arbeite ich selbstorganisiert im Bündnis „Zwangsräumung verhindern!“. Neben Demos und Blockaden begleiten wir Betroffene zu den Prozessen. Als moralische Unterstützung und damit die Richter merken, dass jemand zuhört. Die Diskussion wird immer so geführt, als seien Kreative oder Studis schuld, dass die Mieten hochgehen. Dabei sind es die Eigentümer. Mein Haus ist seit etwa 80 Jahren abbezahlt, seit 1970 nur notdürftig renoviert, kostet sieben Euro pro Quadratmeter.

Ich glaube an gemeinschaftlich verwaltetes Eigentum. Das funktioniert bei den legalisierten, ehemals besetzten Häusern im Kiez auch. Die Instandhaltung kostet zwischen 1,50 und 2,50 pro Quadratmeter, dazu kommt ein bisschen Verwaltungsaufwand, Plenumssitzungen einmal im Monat. Das Grundrecht Wohnen muss so gestaltet sein, dass jeder es wahrnehmen kann.

Nicht mehr zu Hause. Maler Ali Gülbol im Kreuzberger Treppenhaus.
Nicht mehr zu Hause. Maler Ali Gülbol im Kreuzberger Treppenhaus.

Susanne, 51, erwerbsunfähig. Da sitze ich nun in einer Wohnung, in der ich nicht mehr leben kann. Fernseher, Telefon und Drucker sind von gelbem Staub zersetzt, meine Teppiche farbdurchtränkt, meine Matratze ist kaputt, weil eine schwere Kommode und Kisten darauflagen. Seit 28 Jahren wohne ich in dieser Wohnung am Tempelhofer Feld. Als Studentin habe ich mich in den Stuck verliebt. Ich habe hier gewohnt, als das noch eine schlechte Gegend war, als im Schillerkiez gedealt wurde und im Hinterhaus besoffen gegrölt.

Ich zahle für 54 Quadratmeter 215 Euro, warm. Klar, das ist billig. Es klingt immer wie ein Vorwurf, wenn mir das jemand sagt. Erst mietete ich von einer Erbengemeinschaft, dann war das Haus zwangsvermietet, schließlich kam ein neuer Besitzer, der fast alles zu Eigentumswohnungen machte. Dafür sanierte er das ganze Haus. Meine Wohnung war monatelang unbewohnbar. Wir verabredeten, dass ich keine Modernisierungszulage zahlen würde, für den neuen Balkon, die Heizungen, die Fenster. Im Gegenzug würde ich die Miete nicht mindern.

Für die Zeit bin ich zu meiner Mutter gezogen, in mein altes kleines Kinderzimmer in Lichtenrade. Ich habe schweres Rheuma und hatte damals gerade eine Schulter-OP hinter mir. Ich habe meinen Vermietern mitgeteilt, dass ich nichts tragen kann. Sie versprachen mir, meine Möbel zu schützen, abzudecken. Leider nur mündlich.

Fast ein ganzes Jahr fuhr ich immer wieder den weiten Weg in meine Wohnung, wartete auf die Handwerker zu festgelegten Terminen, verschob Krankenhaustermine. Meist kam niemand. Als die Bauarbeiter schließlich doch anfingen, glich meine Wohnung bald einem Schlachtfeld. Ich bezahlte Miete für eine Wohnung, die ich nicht bewohnen konnte. Auf Gesprächsversuche reagierte niemand. Ich glaube, die wollten mich mürbe machen. Damit ich aufgebe oder einen Fehler mache und sie die Wohnung teuer vermieten oder verkaufen können.

Ich machte den Fehler. Ich minderte die Miete, nachdem niemand auf mich reagierte und der verabredete Sanierungszeitraum längst abgelaufen war. Da kam die Kündigung mit allerlei Vorwürfen. Dann die Räumungsklage. Inzwischen haben sie mir angeboten, dass ich erst zum 31. März 2014 raus muss und noch 1500 Euro mitnehme. Jetzt wird Neukölln schön, und ich soll gehen?

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