Zwischen Deutschland und Frankreich : Als das Saarland mit Paris flirtete

Die Flagge blau-weiß-rot, der Franc als Währung. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Saarland unabhängig, stand aber unter französischem Einfluss. Die komplizierte Liebe ist bis heute spürbar.

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Am Scheideweg. 1955 stimmten die Saarländer über ihre Autonomie ab – und damit über die Orientierung Richtung Paris, oder: Bonn.
Am Scheideweg. 1955 stimmten die Saarländer über ihre Autonomie ab – und damit über die Orientierung Richtung Paris, oder: Bonn.Foto: p-a/dpa

In der Bahnhofstraße, der zentralen Einkaufsmeile, fühlt es sich manchmal so an, als hätte man die Grenze schon hinter sich gelassen. Zum Beispiel in der „Brasserie Saarbrücken“. Wie an vielen Stellen der saarländischen Hauptstadt trifft man hier auf Tagestouristen aus Lothringen. Sie stehen an der Holztheke, Biergläser in der Hand, und unterhalten sich auf Französisch.

Auf die Nähe zum westlichen Nachbarn sind sie stolz an der Saar. „Le Charme du Saarland“ verspricht ein Prospekt der Tourismuszentrale. Stundenlang vorm Café sitzen und Baguette kaufen, das konnten sie schon, als beides anderswo in Deutschland noch zu den exotischeren Beschäftigungen zählte.

Man gehörte schließlich fast mal zu Frankreich. Erst 1957, vor 60 Jahren, wurde das Saarland Teil Westdeutschlands, als elftes Bundesland (Berlin mit eingerechnet). Davor hatte zehn Jahre lang ein Saarstaat existiert, der pro forma unabhängig war, tatsächlich aber unter starkem französischen Einfluss stand. Seine Flagge war blau, weiß und rot, die Farben der französischen Trikolore. Zwischen Merzig und Kleinblittersdorf zahlte man damals mit Franc-Scheinen, auf den Straßen fuhren Renault 4CV statt VW Käfer, und der 1. FC Saarbrücken spielte zwischendurch in der zweiten französischen Liga.

Was ist geblieben aus dieser Zeit?

Stadtführer Roland Schmitt führt zum „Schmalen Handtuch“. Hoch und schlank steht das Gebäude neben der später errichteten Stadtautobahn, auf der die Autos vorbeidröhnen. Der elegante 50er-Jahre-Bau aus Beton, Stahl und Fertigteilen ragt nicht nur wegen seiner Größe heraus, er ist eine Ikone in einer Stadt mit viel Gebrauchsarchitektur. „Hier war ursprünglich die französische Botschaft untergebracht“, erklärt Schmitt, der für „Geographie ohne Grenzen“ arbeitet, eine Organisation, die alternative Führungen in der Region anbietet.

Später folgte das saarländische Kultusministerium, momentan ist das Gebäude sanierungsbedürftig. „Sein Architekt Georges-Henri Pingusson, wollte eigentlich noch viel mehr, nämlich das durch den Zweiten Weltkrieg schwer zerstörte Saarbrücken komplett neu aufbauen.“ Eine Saar-Metropole im Stile des mouvement moderne hatte der Anhänger von Le Corbusier im Sinn. Die letztlich gescheiterten Pläne waren bereits sehr detailliert. „Mit der Architektur versuchten die Franzosen Zeichen zu setzen: für die Entnazifizierung wie für die Bindung an Frankreich.“

Die Franzosen kamen 1945 im Gefolge der US-Armee an die Saar, zwei Jahre blieben sie als Besatzer, danach wollten sie gerade in dieser Rolle nicht mehr wahrgenommen werden. Man wollte die Herzen der Menschen gewinnen – anders als nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Zollunion mit Frankreich brachte ein kleines Wirtschaftswunder

Von 1920 bis 1935 wurde das Saarland schon mal aus Deutschland herausgelöst. Als Mandatsgebiet des Völkerbundes zwar, aber auf Betreiben von Paris, das die örtlichen Kohlevorkommen ausbeuten durfte. Ziel in beiden Fällen: eine Schwächung Deutschlands, besonders seiner Rüstungsindustrie. Nur, dass die Franzosen es nun, beim zweiten Mal, besser und nachhaltiger anstellen wollten.

Es waren gute Jahre, mindestens zu Beginn. Dank der Zollunion mit Frankreich erlebte das Saarland ein kleines Wirtschaftswunder, noch bevor das große im Rest Deutschlands einsetzte. Um das zu begreifen, muss man nur die Ausstellung im „Historischen Museum Saar“ besuchen. Das 1988 eröffnete Haus ist am Schlossplatz, dem Herz von Alt-Saarbrücken, gelegen; ein Teil befindet sich unter dem barocken Schloss.

In der Abteilung über die Zeit nach dem Krieg hängen farbige Plakate, eines wirbt für Urlaub an den Plages de France. Zu sehen sind auch Leica-Kameras, damals speziell für den französischen Markt produziert, ein französischer Reisepass mit dem Eintrag Nationalité sarroise und eine alte Saarbrücker Ampel mit doppeltem Licht: einmal französisch (auf Augenhöhe) und einmal deutsch (weiter oben). Fotos erinnern ans saarländische Team bei Olympia und an die eigene Fußballnationalmannschaft. 1954 unterlag sie der DFB-Auswahl bei einem Länderspiel mit 1:3.

Reiner Jung, stellvertretender Direktor des Museums, ist selbst gebürtiger Saarländer, Jahrgang 1957, die französische Zeit kennt er nur aus Erzählungen. „Aber sie wirkte lange nach“, sagt er. Das lag vor allem an einer Volksabstimmung, die das Land für Jahrzehnte spaltete.

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