• EXPERTEN BESCHREIBEN BERLINER SCHÄTZE: Kleine Wale: Die Mitbringsel des Naturforschers Chamisso

EXPERTEN BESCHREIBEN BERLINER SCHÄTZE : Kleine Wale: Die Mitbringsel des Naturforschers Chamisso

Als Naturforscher reiste der Dichter Adelbert von Chamisso bis zu den Aleuten und brachte Modelle von Walen mit. Heute lagern sie im Museum für Naturkunde.

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FOTO: THILO RÜCKEIS
FOTO: THILO RÜCKEIS

Vor solch einem Moby Dick in Liliput-Format hätte Kapitän Ahab nicht den geringsten Respekt gezeigt, allenfalls hätte er daran demonstriert, wie man diese Meeresmonster am besten jagt. Genau das hatte Adelbert von Chamisso ganz und gar nicht im Sinn, als er den handgroßen Pottwal und acht weitere geschnitzte Wal-Minis in Auftrag gab: „Von den erfahrensten Aleuten ließ ich mir die Walfischmodelle verfertigen und erläutern, die ich in dem Berliner Museum niedergelegt habe. Für diesen Teil der Zoologie ist jede Nachricht schätzbar.“

Chamisso (1781–1838) kennt man vor allem als Autor von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“, sein Wirken als Gelehrter ist weniger bekannt – zu Unrecht: Von August 1815 bis Oktober 1818 nahm er an Bord des russischen Expeditionsschiffs „Rurik“ als Naturforscher an einer Weltumsegelung teil, die ihn auch nach Alaska, damals noch russisch, und auf die Aleuten, die Inselgruppe zwischen Amerika und Asien, brachte. „Dabei hat er auch Wale gesehen, aber wohl nur so wie heutige Touristen beim Whale Watching“, erzählt Hannelore Landsberg, Leiterin der Historischen Arbeitsstelle des Museums für Naturkunde in der Invalidenstraße. Also habe er die dort lebenden Eskimos nach ihrem Wissen über Wale befragt, sie auch gebeten, Modelle der unterschiedlichen Arten anzufertigen, offenbar aus Treibholz, etwas anderes gebe es dort nicht.

Und die Inselbewohner, die Wale damals noch nicht zu jagen wussten, sie auch nur von angeschwemmten Kadavern kannten, erwiesen sich als außerordentlich geschickt. Die sechs Modelle – drei sind im Laufe der Jahrhunderte verschwunden – seien „so was von ähnlich und mit allen charakteristischen Merkmalen versehen“, lobt die 59-jährige Biologin, die besonders den Pottwal in ihr Herz geschlossen hat: „Das ist mein Liebling.“

Aber Chamisso erwies sich nicht nur als großer Sammler, von dessen Ausbeute auch Mineralien und Tierpräparate im Museum lagern, sondern wusste das aufgesogene Wissen zugleich geschickt und spannend zu vermitteln, in einem Bericht über seine Expedition, einem Meisterwerk der Reiseliteratur, oder auch in dem auf Latein verfassten, 1824 veröffentlichten Werk „Cetaceorum maris Kamtschatici imagines“. Chamisso habe in der Walschrift Ethnisches mit Forschungswissen seiner Zeit und eigenen Beobachtungen verbunden, sagt Hannelore Landsberg. Das sei neu gewesen. Die damalige europäische Arroganz habe es ansonsten meist verhindert, das Wissen der Naturvölker ernst zu nehmen. Andreas Conrad

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