Berlin : 1. FC Union: Die Eisernen Achtundsechziger

Lothar Heinke

Sie sind so um die Sechzig, haben graue oder keine Haare. Sie treffen sich zweimal im Jahr zum Männerplausch in einer Sportlerkneipe. Aber gestern traten die ruhmreichen Elf im Hof des Rathauses Köpenick zum ersten Mal seit 33 Jahren wieder gemeinsam ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Die Mannschaft des 1. FC Union, die 1968 im DDR-Pokalendspiel den haushohen Favoriten Carl Zeiss Jena mit 2:1 geschlagen hatte, eröffnete mit diesem nostalgischen Treffen die "Woche des Wahnsinns", wie ein Fan die nächsten Tage bis zum Pokalfinale am Sonnabend im Olmpiastadion nennt.

Mehrere hundert Unioner waren zu dieser Pokal-Revival-Party gekommen, in der Mehrzahl Jugendliche, die die 68-er nur vom Hörensagen kennen, aber respektvoll und begeistert reagierten, als Kapitän Ulli Prüfke "seine Jungs" von damals präsentierte - Kopfballriese Meinhard Uentz, Jimmy Hoge ("körperlich klein, riesig im Spiel"), Wolfgang Wruck ("stand so sicher wie die Bank von England"), Hartmut Felsch (noch immer aktiv im Berliner Fußball), der zuverlässige Joachim Betke, Tormann Rainer Ignaczak, Wolfgang Hillmann, Klaus Korn, Jürgen Stoppock, Reinhard Gärtner, Günter Klausch. "Wer einmal Union gespielt hat, ist und bleibt ewig Unioner, er denkt mit Union und er fühlt mit Union", sagt Ulli Prüfke, und genau das ist es, was die Fans hören wollen, weil sie es selber so fühlen. Ein spontanes "Eisern Union"! hallt über den Hof; viele Fans haben sich in Union-Trikots gewickelt, und die neueste Kreation, die mit rot-weißen Längsstreifen an die 68er Hemden erinnern soll, findet reißenden Absatz - für immerhin 119 Mark.

Zum Thema Online Spezial: Der Weg in die Zweite Liga Natürlich kamen alle Gespräche immer wieder auf das aktuelle Pokal-Finale: "Wir erhoffen uns ein großes Fußballfest mit wunderbaren Fans, deren "Eisern Union"-Rufe in Stereo in alle deutschen Wohnzimmer kommen!", sagt Präsident Heiner Bertram und erzählt, dass sich in dieser Woche der Bundeskanzler zum Training an der Alten Försterei angesagt hat. Gestern verlas B 1-Moderator Raiko Thal ("als Köpenicker bin ich ein bekennender Unioner") schon mal ein Grußtelegramm, in dem Gerhard Schröder zur Regionalliga-Meisterschaft, zum Aufstieg in die zweite Bundesliga und zur UEFA-Cup-Teilnahme gratuliert und Glück fürs schwere Pokalfinale wünscht.

Prognosen? "Es steht fifty-fifty", sagen die Pokalhelden. Heiner Bertram gibt zu bedenken, dass die Mannschaft schon jetzt "unglaublich viel" erreicht hat: "Feiert, auch wenn es nicht so gut läuft!" Bezirksbürgermeister Ulbricht sieht die Situation ähnlich wie vor 33 Jahren - großer Favorit contra Außenseiter. "Ich tippe: Es kommt wie 68 - 2:1 für Union".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben