• 1. SV Galatasaray: Kein türkischer Verein: Beim Kiezklub aus Neukölln kicken auch Polen, Griechen, Deutsche und sogar ein Australier

Berlin : 1. SV Galatasaray: Kein türkischer Verein: Beim Kiezklub aus Neukölln kicken auch Polen, Griechen, Deutsche und sogar ein Australier

Tanja Buntrock

Wenn man sich mit Kenan Isikli im Vereinsheim des 1. SV Galatasaray in Neukölln trifft, braucht man eine starke Blase, weil unentwegt Tee nachgegossen wird. Und während man gemeinsam trinkt, erzählt der 41-jährige Vorstand und Jugendleiter, was es für ein Kraftakt war, bis der Verein im März endlich in Gründung ging. "Welcher Werder-Bremen-Fan läuft schon freiwillig in Bayern-München-Trikots herum?", fragt er lächelnd. Die Antwort unter Fußballbegeisterten kann nur heißen: keiner. Und so kann man sich vorstellen, was Isikli für Probleme hatte, diesen Vereinsnamen durchzusetzen. "Wir hatten natürlich Fans des anderen Istanbuler Fußballvereins, Fenerbahçe, unter uns. Die waren empört, wollten den Verein verlassen, weil sie grundsätzlich alles zerstören, was die rot-gelben Farben von Galatasaray trägt", sagt Isikli.

Aber es sollte nun einmal ein neuer, attraktiverer Name für den Neuköllner Fußballclub gefunden werden, der sich zuvor FC Dostlar nannte. Denn "die Jugendlichen wollen in einer Mannschaft spielen, die auch vom Namen her etwas hergibt". Nach drei Vereinsversammlungen hatte Isikli seine Mitglieder soweit, denn er stellte klar: entweder Galatasaray oder Pleite, weil kein Nachwuchs mehr kommt. Die Mühen haben sich gelohnt. Seitdem der Verein sich nach den Istanbuler Starkickern und UEFA-Cup-Siegern benennt, hat der Verein, der seit zwei Monaten in der Bruno-Bauer-Straße sitzt, enormen Zuwachs. "Wir haben mittlerweile 276 Mitglieder aller Altersklassen", verkündet Isikli stolz. Das sei viel für einen türkischen Verein. Allerdings ist ihm wichtig zu betonen, dass "wir kein türkischer Verein sind, wir sind ein Neuköllner Verein. Bei uns gibt es auch Polen, Griechen, Deutsche und sogar einen Australier".

Das neue Vereinsheim ist täglich von mittags an geöffnet. Hier treffen sich die Mitglieder nicht nur vor ihren eigenen Spielen, sondern auch zum Teetrinken, Karten- oder Billiardspielen, zum Reden und vor allem: zum Fußballgucken. Auf einer großen Bildschirmwand werden Bundesligaspiele und natürlich, auch während der Europameisterschaft, die Spiele der türkischen Nationalmannschaft gezeigt. "Als Galatasaray Istanbul den Uefa-Cup gewonnen hat, war hier die Hölle los", sagt Isikli, "wir mussten die Jalousien hochziehen, damit die Leute noch von draußen hineingucken konnten".

Da der Ansturm im Augenblick groß ist, ist für September die Gründung eines Galatasaray-Basketballteams geplant. "Wir sind offen für alles, je mehr desto besser. Auch Mädchen sind willkommen, allerdings ist bei denen die Anfrage noch nicht so groß", sagt Isikli. Wichtig ist dem Verein, dass vor allem die Jugendlichen und Kinder "von der Strasse weggeholt werden". So wissen auch die Eltern, dass ihre Kinder in guter Obhut sind.

Das neue Vereinsheim ist nicht nur Mitgliedertreffpunkt, sondern wird vormittags auch von rund 25 türkischen Frauen genutzt, die bei drei Volkshochschullehrerinnen Deutsch lernen. "Wir wollen für den monatlichen Beitrag von 15 Mark für Erwachsene und 10 Mark für Kinder mehr leisten, als nur Fußball", sagt Isikli. Von den Vereinsfrauen ist kürzlich die Bitte vorgetragen worden, einen Frauentag pro Woche einzurichten. "Die türkische Mentalität ist eben doch noch anders. Selten machen Frauen und Männer etwas zusammen. Die Frauen wollen einen Tag für sich. Wir nehmen das in Angriff."

Wenn es um seinen Verein geht, geht Isikli, der hauptberuflich als Disponent bei Ford arbeitet, völlig auf. Seine gesamte Freizeit verbringt er im Dienste des Vereins, was "gut so ist, denn dann weiß meine Frau, wo ich bin und dass ich nichts Schlimmes anstelle".

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