11.11.11 : Endlich wieder Schnapszahl-Tag

So viel gleiche Ziffern wie heute gab seit hundert Jahren nicht mehr. Stefan Jacobs berichtet von einem bitteren Verlust am 8.8.88, der Schönheit der Primzahlen und erklärt, warum am 7.7.77 nicht alles besser war.

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Gleich und gleich gesellt sich gern. Die Tradition der Schnapszahl-Hochzeiten ist seit dem 7. 7. 1977 verbürgt. Die Bäcker sind inzwischen darauf eingestellt.
Gleich und gleich gesellt sich gern. Die Tradition der Schnapszahl-Hochzeiten ist seit dem 7. 7. 1977 verbürgt. Die Bäcker sind...Foto: Patrick Pleul/dpa

Drei Elfen an einem Tag erscheinen nur alle hundert Jahre. Selbst wer das heutige Datum nüchtern sieht, erkennt: Diese Schnapszahl mit sechs gleichen Ziffern ist eine hochprozentige. Ölfter Ölfter Zweitausendölf, wie der Urberliner sagt. Wer heute Geburtstag hat und Elfriede heißt oder von der Elfenbeinküste stammt, kommt vielleicht ins Fernsehen („Die elf schrägsten Deutschen“).

Natürlich bietet sich der Tag zum Heiraten an, sofern ein Partner zur Hand und noch vakant ist. Die Berliner Standesämter haben erst seit Oktober verstärkten Andrang auf das magische Datum registriert und das mit dem klimatisch wenig attraktiven Monat erklärt. Dass die Sonne just im November Überstunden schiebt, war ja nicht absehbar. Außerdem wissen erfahrene Bräute, dass die tollsten Hochzeitskleider im Frühjahr ausverkauft sind und erst im Winter wiederkommen.

Ein Blick ins Zeitungsarchiv zeigt, dass der Trend zur Schnapsdatumsheirat in Berlin seit dem 7.7.1977 klar nachweisbar ist und am 8.8.88 einen Höhepunkt erreichte. Weitere spektakuläre Meldungen von jenem Tag: Im Tagesspiegel klagte tags darauf ein Kommentator über den Schreck, den ihm das Radio mit einer bierernst angekündigten Eilmeldung eingejagt habe. Während der Hörer dachte, die Russen seien da, meldete das Radio den Verlust einer Lottokugel mit der Nummer acht. Eine doppelte Nulllösung, sagte der Radiomann, hahaha. Wahr und deshalb noch trauriger ist die Geschichte eines Bekannten, der – Respekt! – am 8.8.88 acht Jahre alt wurde und deshalb in einem Spandauer Kaufhaus einen Einkaufsgutschein über 88,88 DM erhalten hätte, wenn, ja wenn, seine Mutter nicht erst am nächsten Tag von der Aktion erfahren hätte.

Dass früher nicht alles besser war, beweist ein Blick auf die Werbung der Gebrüder Manns („über 50x in Ihrer Nähe“) vom 7.7.77: 1,68 Mark für die 0,7er-Flasche Granini und 3,98 Mark für ein halbes Pfund Pfifferlinge sind im Verhältnis zum damaligen Einkommensniveau ziemlich teuer. Und sonst? Die FDP forderte, die Passkontrolle für Charterpassagiere in Tegel zu beschleunigen, und die Glas- Recycling GmbH & Co. KG hat Altglasbehälter in zehn Bezirken aufgestellt. Und im Spiel 77 hätte eine Schöneberger Rentnerin fast ihren Gewinn von 77 777 Mark verpasst. Diese Meldung könnte man angesichts des 7.7.77 für einen Aprilscherz halten – nur dass halt Juli war und mit dem Tagesspiegel nicht zu scherzen.

Am 11.11. konzentriert sich das kulturelle Leben unvermeidlich auf den Karneval. Entsprechend schwierig ist die Terminplanung für heiratswillige Narren. Oder ist gar jeder ein Narr, der seine Hochzeit auf dieses Datum legt? „Standesbeamte warnen vor Heirat wegen Schnapszahl“, hieß es 1999. Auch in den Jahren danach mahnten rechtzeitig zu Terminen wie dem 05.05.2005 Standesbeamte aus mehreren Bezirken, dass Schnapszahlehen erfahrungsgemäß wenig robust seien.

Ansonsten sind keine Mega-Events in Sicht. Dass es laut dem Magazin „Happy Times“ bei Coop heute elffach Superpunkte gibt, betrifft nur die Schweiz. Unsereins muss sich mit einem Interview mit dem Mathematikprofessor Albrecht Beutelspacher begnügen, das die Agentur dpa durchgekabelt hat. Demnach ist die Elf als Primzahl „eine der widerständigsten Zahlen überhaupt“ und hat magische Kräfte: Man nehme mehrere aufeinanderfolgende Ziffern und spiegele sie, beispielsweise 345 543. Wird diese sechsstellige Zahl durch elf geteilt, ist das Ergebnis immer eine ganze Zahl, also ohne Kommastelle. Das funktioniert mit allen derartigen Zahlen – egal ob sie drei oder 30 Stellen haben! Der größte Reiz der Schnapszahlen liege aber in ihrer Optik, sagt der Professor: „Sie sind immer ein Paar.“ Nun ja, im engeren Wortsinn sind sie eine Homo-Ehe, aber Schnaps ist Schnaps und das nächste Datum mit noch mehr Gleichen der 11.11.2111.

Wer es satt hat: Danach sollte das Thema für tausend Jahre erledigt sein.

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