1989 im Liveticker : Looking for Frieden

Wo waren Sie, als David Hasselhoff die Berliner Mauer stürzte? Als Klaus Wowereit Ulli Zelle sein erstes Interview gab? Die Autoren von „Und nun zum Wetter. 100 Jahre Weltgeschichte im Liveticker“ waren dabei – oder tun zumindest so. Im exklusiven, erweiterten Vorabdruck tickern sie hier das Jahr 1989.

von und Fabian Jonas, Lucas Vogelsang
Historische Hebebühne. Das Jahr 1989 in einem Bild: David Hasselhoff singt. Und die Mauer verschwindet. Unter Menschen. Foto: picture-alliance / dpa
Historische Hebebühne. Das Jahr 1989 in einem Bild: David Hasselhoff singt. Und die Mauer verschwindet. Unter Menschen.Foto: picture-alliance / dpa

1. Januar 1989 – Egal ist 88. 2. Januar 1989 – Der Teichrohrsänger ist Vogel des Jahres, die Stieleiche Baum des Jahres, das Breitblättrige Knabenkraut Orchidee des Jahres. Meist wird eine solche Auszeichnung ja bedrohten Arten zuteil. Wählen wir also noch schnell die DDR zum Staat des Jahres. 3. Januar 1989 – Spiel mir das Lied vom Tod. Zur weltberühmten Titelmelodie des Sergio-Leone-Westerns zeigen die Berliner Republikaner in ihrem Werbespot zur Abgeordnetenhauswahl all das, wogegen sie antreten: Drogentote, Punker, Mauertote, Dönerbuden, türkische Mütter, türkische Hochzeitspaare und, besonders tödlich, türkische Kinder. Wofür sie einstehen, davon kein Wort. 6. Januar 1989 – Zuversicht gibt es in diesen Tagen von Helmut Kohl. Der Bundeskanzler lässt sein Volk wissen: „Pessimismus trübt den Blick, lähmt Kräfte und raubt Lebensfreude.“ Er ist sich sicher: Das wird ein gutes Jahr. Bleibt nur zu hoffen, dass das nicht wieder die Neujahrsansprache von 1985 ist.

„Durch ein Versehen ist die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers heute Abend verwechselt worden. Die ARD entschuldigt sich dafür! Die korrekte Fassung wird morgen, am Neujahrstag, um 20.05 Uhr,
nach der Tagesschau ausgestrahlt.“
Einblendung nach Kohls Ansprache am 31. Dezember 1986

8. Januar 1989 – Ost-Berlin. In einer Kneipe fragt ein Betrunkener einen Unbekannten: „Kennst du den Unterschied zwischen meinem Bier und Honecker?“ – „Nein“, antwortet der Fremde finster. „Mein Bier ist flüssig und Honecker ist überflüssig.“ Fragt der andere bissig zurück: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Ihrem Bier und sich?“ – „Nein.“ – „Ganz einfach: Ihr Bier bleibt hier, und Sie kommen mit.“ 11. Januar 1989 – In Ost-Berlin wird eine streunende Hündin entdeckt und von scharfsinnigen Mitarbeitern des DDR-Außenministeriums als Westagentin identifiziert. Grund: Der Schnauzermischling trägt ein Stachelhalsband, wie Punker es ihren Tieren umbinden, und eines gegen Flöhe. Ungeziefer beider Arten kommen in der DDR jedoch offiziell nicht vor. Die Spionin wird an der Glienicker Brücke gegen zwei Pekinesen ausgetauscht. 13. Januar 1989 – 300 Tage vor ihrem Fall bezahlt Ingolf Diederichs den Versuch, die Mauer mithilfe einer Klappleiter zu überwinden, mit seinem Leben. Als er zwischen den S-Bahnstationen Pankow und Schönhauser Allee, wo die innerdeutsche Grenze nur wenige Meter neben den Gleisen verläuft, die Türen aufstemmt und aus dem fahrenden Waggon springt, bleibt er hängen und wird mitgeschleift. Entschuldigen Sie, war das der Todeszug aus Pankow?

„Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.“
Erich Honecker auf einer Tagung aus Anlass des 500. Geburtstages von Thomas Müntzer am 19. Januar 1989

20. Januar 1989 – George Bush wird im Weißen Haus als 41. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Sein Sohn George W. (42) sitzt derweil im Oval Office auf dem Teppich und baut aus Holzklötzen zwei Türme, die jedoch alsbald einstürzen. 27. Januar 1989 – Dahlem. An diesem Sonntagvormittag spricht Eberhard Diepgen (CDU) im Jazzclub „Eierschale“ vor Jungwählern. Darunter auch einige, die gerade erst aus der DDR gekommen sind. Einer der Aussiedler erkundigt sich nach der Ausländer- und Asylpolitik der CDU. Er fürchte sich, sagt er, Neu-Kreuzberger, vor Überfremdung. Man könne, antwortet Diepgen, doch Menschen nicht einfach in Krisengebiete zurückschicken. Der junge Mann, er darf also bleiben. 29. Januar 1989 – Diepgen selbst aber muss gehen: Er wird als Regierender Bürgermeister von Berlin abgewählt. „Und das ist auch gut so“, befindet Klaus Wowereit (SPD), einigermaßen unbekannter Stadtrat für Volksbildung und Kultur in Tempelhof, in einem Interview, das er sich selbst vor dem Badezimmerspiegel gibt. 30. Januar 1989 – Der Tag nach der Wahl. Sind die Republikaner nun massenkompatibel geworden, mit ihren 7,5 Prozent? Der Berliner Vorsitzende Bernhard Andres jedenfalls hat Kreide gefressen, er genießt den Moment, den Andrang der Presse, die Kameras, die Aufmerksamkeit des großen Führers Schönhuber neben ihm, wie Gift schleichen seine Sätze in die Mikrofone: „Wir haben nie gesagt ,Ausländer raus‘“, säuselt er, und manch einer seiner Wähler, der mit der Sprengung Kreuzbergs noch für diesen Vormittag gerechnet hatte, würde seinen Stimmzettel am liebsten wieder aus der Urne fischen. „Wir haben immer gesagt ,Humane Rückführung in die Heimatländer im Rahmen der Familienzusammenführung‘.“ Spiel mir das Lied vom Tod. 4. Februar 1989 – In der DDR wird die „Grüne Liga“ gegründet. Da dies jedoch illegal geschieht, stricken die Gründungsmitglieder zunächst nur unsichtbare Pullover. 5. Februar 1989 – 277 Tage vor dem Fall der Berliner Mauer. Chris Gueffroy ist je nach Zählung ihr 137. oder 244., sicher jedoch ihr vorletztes Opfer, als er beim Versuch, den letzten Grenzzaun am Britzer Verbindungskanal in Treptow zu überwinden, von einer Kugel ins Herz getroffen wird. Ein befreundeter Grenzsoldat hatte ihm erzählt, der Schießbefehl sei aufgehoben worden. Ein tödlicher Irrtum – der Befehl wird erst wegen ihm außer Kraft gesetzt. 6. Februar 1989 – Erstes Treffen am Runden Tisch in Warschau. Die Kommunisten geben resigniert Teile ihrer Macht ab, nachdem sie eine Stunde lang vergeblich versucht haben, ihre Akten parallel zur Tischkante auszurichten. 12. Februar 1989 – Joachim Kardinal Meisner, seit 1980 Bischof von Berlin, tritt sein neues Amt als Erzbischof von Köln an. 30 000 muslimische Familien können ihn nicht ersetzen. 15. Februar 1989 – Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan, der bereits im Mai des Vorjahres begonnen hat, ist abgeschlossen. Die Mudschahidin ernennen John Rambo noch am selben Tag zum Ehrenmitglied.

Russischer Offizier: „Wer sind Sie?“ Rambo: „Ihr schlimmster Albtraum.“
aus „Rambo III“

3. März 1989 – Erich Honecker macht es sich in seinem Wohnzimmer in der Waldsiedlung Wandlitz ein letztes Mal so richtig gemütlich und schaut einen Todesstreifen. 8. März 1989 – 246 Tage vor ihrem Fall fordert die Berliner Mauer nun ein letztes Leben. Weil ein zufällig vorbeilaufender Hilfskellner in der Nähe des S-Bahnhofs Blankenburg Zeuge der Startvorbereitungen wird und die Volkspolizei alarmiert, bricht Winfried Freudenberg überstürzt alleine mit dem selbst gebastelten Heißluftballon in Richtung West-Berlin auf und wird in dem manövrierunfähigen Gefährt zum Spielball der eiskalten Lüfte. Als seine Frau, die eigentlich hatte mitkommen sollen, in die ehemals gemeinsame Wohnung im Prenzlauer Berg zurückkehrt, wird sie bereits von der Staatssicherheit erwartet. Ihr Mann stürzt nach stundenlanger Irrfahrt am frühen Morgen aus großer Höhe in den Garten einer Zehlendorfer Villa. Er ist sofort tot.

„Über den Wolken
muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man,
blieben darunter verborgen und dann
würde was uns groß und wichtig erscheint
plötzlich nichtig und klein.“
Reinhard Mey, „Über den Wolken“

9. März 1989 – In Wien beginnen Abrüstungsverhandlungen, an deren Ende zwar der „Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa“ stehen wird – der Ruf eines Teilnehmers „Jungs, ab jetzt nur noch Steinschleudern! Wie früher!“ verhallt aber ungehört. 10. März 1989 – Der Präsident des Amtsgerichtes Moabit teilt in einem offenem Brief sein Bedauern über die Äußerung eines seiner Richter mit. Die Aussage „Wir leben leider in einem Rechtsstaat“ stelle in seiner Behörde keine Mehrheitsmeinung dar. 13. März 1989 – Nachdem bei Sprengungen im DDR-Kaliwerk Merkers ein Gebirgsschlag ausgelöst worden und es dadurch zu schweren Bauschäden in der Gemeinde Völkershausen gekommen ist, sagt ein Statiker bei der Prüfung eines Hauses erstmals den Satz: „Die Mauer muss weg!“ 16. März 1989 – Walter Momper (SPD) wird vom Berliner Abgeordnetenhaus zum Regierenden Bürgermeister gewählt. Der noch immer einigermaßen unbekannte Klaus Wowereit (SPD) spricht auf den Anrufbeantworter von Ulli Zelle (SFB): „Und das ist auch gut so.“ 18. März 1989 – An diesem Samstag, 15.25 Uhr, sitzt Stasichef Erich Mielke im Stadion der Weltjugend und ist außer sich. Als seinem Verein, dem Berliner FC Dynamo, im Hassduell gegen den 1. FC Union ein Freistoß auf Höhe der 16-Meter-Linie zugesprochen wird und sich die eiserne Verteidigung viel zu nah vor dem ruhenden Ball sortiert, springt er auf, dem Wahnsinn nahe, und brüllt nun auch minutenlang: „Die Mauer muss weg! Die Mauer muss weg!“ Anwesende Parteifreunde heben fragend die Augenbrauen. 26. März 1989 – Auf Bestreben des ZK-Generalsekretärs Michail Gorbatschow dürfen Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion ihre Vertreter im Volksdeputiertenkongress frei wählen. Dazu der einigermaßen unbekannte Klaus Wowereit (SPD) … Ach, lassen wir das. 3. April 1989 – „Looking for Freedom“ von David Hasselhoff erklimmt die Spitze der westdeutschen Charts und bleibt dort für acht Wochen.

„I’ve been looking for freedom.
I’ve been looking so long.
I’ve been looking for freedom.
Still the search goes on.“
David Hasselhoff, „Looking for Freedom“

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