20 Jahre Einheit : Willkommen im Club

Von einer Karriere als DJ wagte André Langenfeld im Osten nicht zu träumen: Eine Genehmigung hätte er wohl nie bekommen Im Westen wollte Ulrich Wombacher auflegen wie die Amis: klappte nicht. Beide wurden erfolgreich. Musik kennt keine Grenzen.

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Musik überwindet Grenzen. Ulrich Wombacher (links) und André Langenfeld arbeiten im "Watergate" an der Oberbaumbrücke öfter zusammen.
Musik überwindet Grenzen. Ulrich Wombacher (links) und André Langenfeld arbeiten im "Watergate" an der Oberbaumbrücke öfter...Foto: Mike Wolff

Der Termin war Pflicht, in Ost und West. Jeden Samstagabend lief auf SFB 2 die Sendung „SFBeat“. Und Woche für Woche saßen André Langenfeld in Prenzlauer Berg und Ulrich Wombacher in Friedenau gespannt vor dem Radio: Welche neuen House- und Acid-Songs würde Moderatorin Monika Dietl spielen? Stücke wie Mosaiksteine, aus denen Langenfeld und Wombacher Ende der achtziger Jahre ihren persönlichen Musikgeschmack zusammensetzten. Lange bevor sie selbst bekannte DJs wurden und vor großem Publikum auflegten.

Musik kann Grenzen überwinden, die Berliner Mauer zum Beispiel. Das wird klar, als André Langenfeld, 40, und Ulrich Wombacher, 36, miteinander reden. Die Erfahrungen ihrer Jugendjahre ähneln sich, die beiden begegneten sich in den frühen Nachwendejahren völlig vorbehaltlos. Ost und West, danach wurde unter DJs nicht unterschieden. Weil es Wichtigeres gab. Weil man zu sehr damit beschäftigt war, die plötzlichen Freiräume im Ostteil der Stadt zu dem auszubauen, was heute als Clublandschaft weltweit anerkannt ist. „Man hat sich über die Zugehörigkeit zur Szene und den Musikgeschmack identifiziert“, sagt Wombacher. „Alles andere spielte keine Rolle.“

Warum auch? Wer sein Leben der Musik verschrieben hatte, wer mit dem Auflegen liebäugelte, der hatte Ende der Achtziger dieselben Probleme, das schweißt zusammen. Zum Beispiel die Technik. Gängige Plattenspieler werden per Riemen angetrieben, fürs Auflegen braucht man aber Direktantrieb. Für André Langenfeld war ein Gerät aus dem Westen aber auch deshalb reizvoller, weil es „amtlicher“ aussah. „Deshalb hat man sich über Freunde oder West-Verwandtschaft billige Dinger besorgt und irgendwie versucht, damit aufzulegen.“

Ulrich Wombacher probierte sich unterdessen heimlich am Plattenspieler der Eltern aus. Ein teures Modell, ein Familienheiligtum. Den Tonarm hatte der Vater aufwendig eingestellt. Beim Scratchen sprang das Ding jedoch immer und Wombacher fragte sich, wie das die Vorbilder aus den amerikanischen Musikvideos hinbekamen. „Ich habe dann einfach FünfMark-Stücke auf den Tonkopf getürmt.“

Wie man richtig auflegt und welche Ausstattung man braucht, diese Informationen musste man mühsam zusammentragen. „Der Einstieg in die Szene war mit viel Aufwand verbunden“, sagt Wombacher. Seine erste Anlaufstelle war ein Plattenladen in Steglitz: „Pinky Records“. Um das Vertrauen der Angestellten musste er buhlen. Wie dick die Slipmats sein sollten, die man zwischen Vinyl und Plattenteller legt, damit die Platten beim Scratchen besser gleiten, verrieten die Verkäufer nicht sofort. „ Kleinigkeiten wurden wie Geheiminfos behandelt“, sagt Wombacher, „das bekam man erst mit, wenn man in diesem Zirkel drin war. Wenn man regelmäßig in den Plattenladen kam und die richtige Musik kaufte.“

Plattenläden und „die richtige Musik“ gab es im Osten nicht, jedenfalls nicht offiziell. André Langenfeld entdeckte irgendwann, dass er die Musik seiner Lieblingskünstler aus dem West-Radio auf illegalen Plattenbörsen bekam. Die gab es verteilt auf die ganze Stadt. Für eine Platte verlangten die Händler 100 Mark und mehr. „Wie ich mir das leisten konnte, ist mir im Nachhinein rätselhaft.“ Das Taschengeld jedenfalls ging für Platten drauf.

Dass die Musik irgendwann mehr sein würde als ein Hobby, war für beide vor der Wende nicht absehbar. Ulrich Wombacher war sich als Jugendlicher sicher, dass er später ein bürgerliches Leben mit einem normalen Beruf führen würde. Aber dann besuchte er Mitte der Neunziger den „Bunker“, jenen Techno-Tempel an der Albrechtstraße in Mitte, der bis heute als eine Keimzelle für elektronische Musik im Nachwende-Berlin gilt. „Da erkannte ich, dass ein Club als sozialer Raum funktioniert. Plötzlich wuchs in mir die Idee, dass Auflegen zu einer Existenz werden könnte.“ Kurz darauf stand er erstmals im Bunker an den Plattenspielern.

André Langenfeld spielte sein erstes DJ-Set noch vor dem Mauerfall. Bekannte verhalfen ihm 1988 zu einem Auftritt im Potsdamer Lindenpark. „Da habe ich von meinen paar House-Compilations die Musik gespielt, die bei Monika Dietl im Radio lief.“ Eine Karriere als Plattenaufleger blieb trotzdem Illusion. Wer in der DDR als „Schallplattenunterhalter“ arbeiten wollte, musste einen Lehrgang beim Kabinett für Kulturarbeit durchlaufen. Erst dann gab es die benötigte Genehmigung. Die Auflage lautete: 60 Prozent der gespielten Titel müssen von DDR-Künstlern stammen.

Langenfelds DJ-Karriere wurde im Frühjahr 1990 Wirklichkeit. Kurz zuvor hatte er eine Ausbildung zum Datenverarbeiter bei der Post angefangen. Das Rechenzentrum befand sich auf dem Rundfunkareal an der Nalepastraße in Köpenick, nebenan saß der Jugendsender DT 64. Langenfeld nahm zu einigen Redakteuren Kontakt auf, er wollte sich mit ihnen über Musik austauschen. Eines Tages fragten sie: Willst du eine eigene Musiksendung machen? Da musste er nicht überlegen, schmiss die Ausbildung und ging mit eigener Show auf Sendung. Plötzlich wurde er auch als DJ gebucht, etwa auf der Insel der Jugend in Treptow.

Heute moderiert André Langenfeld eine Sendung auf Radio Fritz, in Clubs wie dem Cookies und Icon legt er regelmäßig auf. Ulrich Wombacher steht nicht mehr so oft wie früher an den Plattenspielern. Vor sieben Jahren eröffnete er mit Freunden das Watergate an der Oberbaumbrücke, an der Grenze zwischen Ost und West. Seither kümmert er sich mehr um Organisatorisches, um das Booking der DJs. Einer legt in Wombachers Club oft auf: André Langenfeld.

André Langenfeld, 40, wuchs in Prenzlauer Berg auf. Im Frühjahr 1990 kam er zufällig zum Radio und moderierte bei DT 64 die „Yo! Show“, eine HipHop-Sendung. Heute legt er im Icon, Cookies und Watergate auf. Fürs Radio arbeitet er immer noch: Auf Fritz moderiert er in der Nacht von Freitag zu Samstag den „Nightflight“. Im Bild oben steht er rechts.

Ulrich Wombacher, 36, wurde im bürgerlichen Friedenau groß. Unter dem Künstlernamen Metro legt er seit Mitte der Neunziger auf. Bekannt wurde er für seine Partyreihe „hard:edged“. Seit 2003 betreibt er einen eigenen Club, das Watergate. Außerdem ist er Initiator der Berlin Music Days (BerMuDa), einer Clubwoche, an der sich alle wichtigen elektronischen Clubs der Stadt beteiligen. Die diesjährigen BerMuDa finden in der ersten Novemberwoche statt. Fotos: privat

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