20 Jahre Oderflut : Die Erinnerung schmerzt noch immer

Vor 20 Jahren hielt die Oder Brandenburg in Atem. Die große Katastrophe konnte verhindert werden. Aber die Ziltendorfer Niederung war nicht zu retten.

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Der Blick aus einem Hubschrauber zeigt am 19. Juli 1997, wie weit das Wasser der Oder nördlich von Frankfurt in das Landesinnere von Polen (re.) vorgedrungen ist. .
Der Blick aus einem Hubschrauber zeigt am 19. Juli 1997, wie weit das Wasser der Oder nördlich von Frankfurt in das Landesinnere...Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Als sich die Erkenntnis, dass nichts mehr zu machen, zu retten, zu hoffen war, langsam in ihr Bewusstsein grub, haben sie eine Flasche Schnaps geöffnet. „Keine Ahnung, wo die herkam“, sagt Agnes L. (Name geändert): „In unserer Familie trank normalerweise niemand Schnaps. Aber es war ja auch nichts mehr normal. Wir haben da gesessen, auf unser Haus geschaut, akzeptiert, dass wir am Ende waren: Körperlich und seelisch. Es gab nichts mehr zu bereden.“

Ein paar Stunden vorher hatte Agnes L. noch laut geschrien und geweint. „Da sagte jemand ganz ruhig und sachlich in eine Fernsehkamera, mein Heimatdorf Wiesenau sei aufgegeben. Der sagte einfach: Wiesenau ist aufgegeben.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Mutter zweier Kinder ein Dutzend Nächte lang höchstens zwei Stunden geschlafen und am Tage unermüdlich Sandsäcke gefüllt, Möbel in die oberen Etagen geschleppt oder zu Freunden und Verwandten transportiert, Heizungen, elektrische Geräte, Autos gesichert und keine Sekunde geglaubt, dass das alles wahr sein könnte.

Fünf Kilometer von der Oder entfernt - was soll da schon passieren?

„Unser Haus stand doch fünf Kilometer von der Oder entfernt“, sagt sie: „Fünf Kilometer! Da konnte doch gar nichts passieren. Jedenfalls nicht das, was die im Fernsehen und in der Einwohnerversammlung erzählten: Dass das Hochwasser die gesamte Ziltendorfer Niederung überfluten würde und unser Haus nicht zu retten sei. Dass so viel Wasser kommen würde. Es regnete doch gar nicht, im Gegenteil: Die Sonne strahlte nur so.“

Auch Matthias Freude erinnert sich an das traumhafte Sommerwetter vor genau 20 Jahren. Da hatte er als Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg erfahren, dass nach tagelangen starken Niederschlägen in Tschechien und Polen die Oder und viele andere Flüsse über die Ufer getreten waren. „Der Pegel im polnischen Miedonia, der normalerweise bei zwei Metern steht, stieg innerhalb kürzester Zeit auf fast elf Meter, man sah quasi den Pegel gar nicht mehr“, erzählt er: „Da wusste ich, was auf Brandenburg zu- kommt.“ Geglaubt hat es ihm zu diesem Zeitpunkt allerdings wohl nur sein direkter Vorgesetzter, der damalige Umweltminister Matthias Platzeck.

Überflutet. Vor 20 Jahren erreichte das Hochwasser die Thälmann-Siedlung in der Ziltendorfer Niederung.
Überflutet. Vor 20 Jahren erreichte das Hochwasser die Thälmann-Siedlung in der Ziltendorfer Niederung.Foto: Patrick Pleul/dpa
Auch wenn alles wieder aufgebaut wurde, bleibt die Erinnerung für viele traumatisch.
Auch wenn alles wieder aufgebaut wurde, bleibt die Erinnerung für viele traumatisch.Foto: Patrick Pleul/dpa

Als die beiden wenig später, es muss so am 8. oder 9. Juli 1997 gewesen sein, die Menschen an der Oder persönlich vorwarnen wollten, tippten sich die Einheimischen an die Stirn. „Wir wohnen hier schon 50 Jahre, wir kennen die Oder, so etwas ist nicht möglich“ – so lauteten die Kommentare. Gern zitiert der heute 64-jährige Freude einen Einwohner, der äußerte, er lasse sich doch von zwei dahergelaufenen „Bürschchen“ nichts über seinen Fluss erzählen.

Doch die Lage spitzte sich schnell zu. Am 8. Juli gab das Landesumweltamt Brandenburg eine Hochwasserwarnung für den gesamten Grenzoderabschnitt heraus. Da waren in Tschechien und Polen bereits weite Landesteile überflutet, tausende Menschen obdachlos und Dutzende Todesopfer zu beklagen.

Mitte Juli kommt die Flut nach Brandenburg

Am 17. Juli erreichte die Flut Brandenburg – am Zusammenfluss von Oder und Neiße bei Ratzdorf. Zudem verursachten erneute starke Niederschläge im oberen Odereinzugsgebiet eine zweite Hochwasserwelle. Der Regen weichte die Deiche auf. Der Wasserdruck betrug sechs Tonnen je Quadratmeter. Am Deich des Oder-Spree-Kanals in Eisenhüttenstadt kam es zu Rissen der Deichkrone. Sofortige Sicherheitsmaßnahmen verhinderten einen vollständigen Deichbruch.

Am 23. Juli 1997 hielt der Damm bei Brieskow-Finkenheerd dem Wasser nicht mehr stand. Nur einen Tag später brach etwa neun Kilometer stromaufwärts der Deich bei Aurith. Bis zum 17. August strömte Oderwasser durch die Bruchstelle in die 5500 Hektar große Ziltendorfer Niederung. In Frankfurt (Oder) erreichte am 27. Juli 1997 der Pegel mit 6,57 Meter erneut Rekordhöhe. Der schützende Sandsackdamm war nur noch wenige Zentimeter höher. Am 30. Juli schien das Schicksal des Oderbruchs besiegelt zu sein. Nur noch auf zehn Prozent wurde die Chance geschätzt, dass der Deich bei Hohenwutzen halten würde. Vorsorglich wurde im nördlichen Oderbruch die Evakuierung von 6500 Menschen angeordnet.

Hubschrauber brachten ununterbrochen tausende Sandsäcke

Doch der Deich konnte gehalten werden. Ununterbrochen brachten Hubschrauber tausende Sandsäcke zu den Bundeswehr-Soldaten, die sie in der Bruchstelle aufschichteten. Von der Wasserseite wurde der Deich von Tauchern mit Folien abgedeckt. Mit der erstmals in der Deichverteidigung angewandten Vakuumtechnik wurde Wasser aus dem völlig durchnässten Deich gezogen. Die Bewohner des Oderbruchs durften am 9. August offiziell wieder in ihre Dörfer zurück.

"Es war Zentimetersache“, sagt Matthias Freude, der von Frankfurt aus den Hochwassereinsatz koordinierte, heute: „Und wenn nicht die Deiche in Polen gebrochen wären und das Wasser nicht schon dort weite Fluren überflutet hätte, wäre das Oderbruch nicht zu retten gewesen.“ Jahrelang habe er das in seinen Albträumen vor sich gesehen. Bis zu sechs Meter hätten die Häuser im Wasser gestanden, erzählt er: „Wir hatten großartige Helfer, aber auch sehr viel Glück.“

20 Jahre später sind bis auf ganz wenige Ausnahmen alle Deiche erneuert. Das Oderbruch ist geschützt, Brandenburg hat mehrere große Hochwasser dank der Erfahrungen glimpflich überstanden – aber für viele Menschen in der Ziltendorfer Siedlung ist die Erinnerung an 1997 eher schmerzlich. Die meisten wollen immer noch nicht darüber reden.

„Was soll man denn erzählen?“, fragt eine Frau aus der Ernst-Thälmann-Siedlung: „Wir haben es nicht geglaubt, aber wir mussten unser Haus verlassen. Meine Tochter hatte gerade ein Kind bekommen, die Kleine war drei Wochen alt, wir hatten die ganze Zeit Sandsäcke gefüllt und alles, alles hat nichts genutzt.“ Sie weint und entschuldigt sich dafür. Und weint wieder.

Land unter. Dieser Baum bei Ratzdorf zeigt, wie hoch das Wasser 1997 anstieg.
Land unter. Dieser Baum bei Ratzdorf zeigt, wie hoch das Wasser 1997 anstieg.Foto: Patrick Pleul/dpa
Die Hochwasser-Markierung ist hier auch heute noch zu sehen.
Die Hochwasser-Markierung ist hier auch heute noch zu sehen.Foto: PatrickPleul/dpa

„Ich merke schon, dass manche Menschen hier noch immer traumatisiert sind“, sagt Pfarrer Mathias Wohlfahrt, der vor vier Jahren aus Spandau nach Ziltendorf gekommen ist: „Einige haben zweimal alles verloren – im Krieg und beim Hochwasser. Das ist schmerzlich.“ Dennoch seien viele zu seinem kleinen Gedenkgottesdienst vor einigen Wochen gekommen – einen großen mit Politprominenz soll es am kommenden Wochenende geben. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) wird dabei sein und wohl auch sein Vorgänger Matthias Platzeck, dessen politischer Stern 1997 als „Deichgraf“ beim Oderhochwasser aufging.

Sein allabendlicher Fernsehauftritt und die Not der Menschen an der Oder hatten einen positiven Nebeneffekt: die unglaubliche Hilfs- und Spendenbereitschaft der Menschen, vor allem auch in den westlichen Bundesländern. Manche meinen gar, dass die „emotionale deutsche Einheit“ erst 1997 vollzogen wurde. In jedem Fall entstanden damals viele Freundschaften, auch zwischen brandenburgischen und westdeutschen Kirchengemeinden, sagt Pfarrer Mathias Wohlfahrt: „Es wurden sogar Ehen gestiftet und Kinder geboren.“

Die Bundeswehr wurde vielen zum wirklichen Freund

Und noch etwas änderte sich mit dem Oderhochwasser: Die Bundeswehr, von manchen Ostdeutschen bis dato noch immer als „feindliche Armee“ gesehen, wurde zum wirklichen Freund und Unterstützer. Mehr als 30 000 Soldaten halfen, und einige riskierten sogar ihr Leben bei der Sicherung der Deiche.

Es grenzt schon an ein Wunder, dass bei dem Jahrhundert-Hochwasser kein Mensch zu Tode kam. Jedenfalls nicht direkt. Ein Kraftfahrer, der an den Hilfsaktionen beteiligt war, verlor bei einem Unfall sein Leben. Und viele Einwohner erzählen, dass Eltern, Geschwister, Mann oder Frau in den letzten Jahren früher als erwartet verstorben seien, was viele auf das Hochwasser und die damit verbundenen Aufregungen und Enttäuschungen zurückführen.

Schließlich gab es nach der Flut und der Angst auch manchen Streit wegen der Spendengelder, Nachbar- und Freundschaften zerbrachen, und bis heute halten sich Ressentiments gegen „die da oben“ – und auch Verschwörungstheorien. So sind viele in der Ziltendorfer Niederung überzeugt, dass der Deichbruch bei Brieskow-Finkenheerd herbeigeführt wurde. „Man hat uns geopfert, um das Oderbruch zu retten“, sagt eine Frau: „Ist ja vielleicht sogar zu verstehen. Dort lebten 20 000 Menschen und hier nicht mal ein Viertel davon.“

Matthias Freude, der heute Präsident des brandenburgischen Landesamtes für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung ist, kann darüber nur den Kopf schütteln. „Auf die Idee wären wir gar nicht gekommen“, sagt er: „Meine Helfer hätten sich eher umgebracht, als das zu tun. Aber in solchen Extremsituationen neigen Menschen nun mal dazu, Schuldige zu suchen.“ Er habe beim Oderhochwasser vor allem gelernt, dass Panikreaktionen unbedingt zu vermeiden seien, sagt Freude.

Diese Lehre hat auch Agnes L. gezogen. „Wenn wieder einmal ein Hochwasser kommen sollte, wäre das zwar schlimm, aber ich würde nicht mehr so in Panik verfallen wie vor 20 Jahren“, sagt sie. Fernsehen will sie in den nächsten Tagen dennoch nur wenig schauen, weil sie die Bilder von damals nicht immer und immer wieder sehen will. Aber zum Gedenkgottesdienst wird sie gehen – um allen, die damals geholfen haben, noch einmal Danke zu sagen.

Den Grundstein für ihr neues Haus hat sie mit ihrem Mann schon im Dezember 1997 gelegt. In Wiesenau natürlich, an derselben Stelle, wo das alte stand, erzählt sie: „Über etwas anderes haben wir, ehrlich gesagt, nicht einmal nachgedacht“.

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