200 Jahre Schlacht von Großbeeren : Mehl in der Kanone

500 Hobbysoldaten in historischen Uniformen spielen in Großbeeren den Sieg über Napoleon vor 200 Jahren nach. Feldherr will dabei aber niemand sein.

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Wer hat die schönste Uniform? Auf dem Festgelände in Großbeeren, wo der 200. Jahrestag der Schlacht gegen Napoleon gefeiert wird, ist das eine nicht unwichtige Frage.
Wer hat die schönste Uniform? Auf dem Festgelände in Großbeeren, wo der 200. Jahrestag der Schlacht gegen Napoleon gefeiert wird,...Foto: Claus-Dieter Steyer

Ausgerechnet der Held der Schlacht fehlt bei der großen Jubiläumsfeier. Alle anderen aber sind ins kleine Großbeeren gekommen, wenige Kilometer hinter dem südlichen Berliner Stadtrand: Preußen, Schweden, Russen, Sachsen, Franzosen, Schlesier, die Lützower, sogar Tiroler Bergsoldaten und weiteres historisches Militär aus halb Europa. Jedenfalls tragen Männer im vorwiegend fortgeschrittenen Alter, aber auch junge Burschen und selbst Frauen die Uniformen jener Truppen, die sich vor 200 Jahren in und um Großbeeren eine blutige Schlacht lieferten. In geordneten Formationen marschieren sie noch bis zum heutigen Sonntagnachmittag vom Biwak-Zeltlager zum 100 Jahre alten Gedenkturm in der Ortsmitte. Sie stellen die Kämpfe nach und feiern gemeinsam den Sieg über die Armeen Napoleons. Beim Bier fragt allerdings niemand mehr nach Freund und Feind.

Nur Friedrich Wilhelm von Bülow, der Preußens Heer zum Sieg führte und Berlin damit vor einer erneuten französischen Besatzung bewahrte, ließ sich zum Auftakt der Feierlichkeiten nicht blicken. Die Rolle habe sich niemand getraut, heißt es in den Reihen der preußischen Offiziere. „Vor einigen Jahren war sogar ein hochbetagter Nachfahre von Bülows bei den Gedenkfeiern anwesend“, erzählt ein Berliner Mittsiebziger im Kostüm eines Garderegiments. „Jetzt haben alle vor der historischen Figur des Feldherrn großen Respekt.“

Diesen hätte sich Bürgermeister Carl Ahlgrimm auch von der Brandenburger Landesregierung gewünscht. „Leider hat kein Vertreter des Kabinetts trotz Einladung den Weg zu uns gefunden“, kritisierte er. „Das finden wir sehr bedauerlich. Schließlich gibt es so eine 200. Gedenkfeier für die Schlacht am 23. August 1813 nur einmal.“ Vielleicht waren die in Frage kommenden Ressorts für ländliche Entwicklung, Kultur, Inneres, Soziales oder auch der Ministerpräsident selbst einfach nur schlecht beraten worden. Denn trotz der vielen Uniformen ziehen die Großbeerener jeweils Ende August keineswegs eine Military-Veranstaltung auf. Das garantiert schon die Teilnahme der evangelischen Kirche, in deren Garten Kinder eine alte Kanone mit Spielzeug, bunten Stoffen und Bildern schmückten. Der örtliche Kulturverein organisierte eine kulturelle und kulinarische „Deutsch-Französische Begegnung“ mit Musik, Gesprächen, Zwiebelkuchen, Crêpes, Käse und Wein. Und selbst das oft gescholtene Verhältnis zwischen Berlinern und Brandenburgern zeigte sich auf der Gedenkfeier von einer ganz schmackhaften Seite: Wie vor 200 Jahren zogen Menschen aus der großen Stadt mit Broten, Wurst, Äpfeln und anderen Lebensmitteln zur siegreichen Armee vor der Stadtgrenze.

Die Traditionsverbände mit ihren rund 500 nach Großbeeren gereisten Mitgliedern hielten sich mit allzu großem militärischen Brimborium weitgehend zurück. Ab und zu knallten eine Kanone oder ein Gewehr. Aber der große Rauch entstammte einem kleinen Trick: Mehl im Schießpulver.

Der heutige Sonntag beginnt um 10 Uhr mit einem Freiluftgottesdienst auf der Festwiese. Um 11.15 Uhr treffen sich dann die historischen Truppen zum Abschlussappell auf der Dorfaue. Der Festumzug startet um 13 Uhr. Zwischen 10 und 18 Uhr findet auf der Festwiese ein historischer Handwerkermarkt statt. Weitere Infos unter: www.grossbeeren.de

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