25 Jahre Deutsche Einheit (8) : Die Späthbrücke: Zwischen den Welten

Die Späthbrücke gibt es zwei Mal: eine alte und eine neue. Jede für sich ist ein Denkmal ihrer Zeit. Denn an der früheren Grenze hat sich viel verändert.

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Die Neue Späthbrücke in Berlin-Neukölln.
Die Neue Späthbrücke in Berlin-Neukölln.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Alles noch wie früher. Melde, Graukresse und kanadische Goldrute. Pflanzen, die Erhard Winter im Schlaf herunterbeten kann, schließlich hat er sie jahrelang für seine Schüler gepflückt. Damals, als die Grenze zwischen Britz und Baumschulenweg noch zwei Welten teilte und die eine am Teltowkanal zu Ende war. Die Mauer türmte sich gleich hinter der Späthbrücke auf und vor ihr war das Paradies, jedenfalls für einen Biologielehrer wie Erhard Winter.

Heute gibt es nur noch eine Welt und die Späthstraße liegt mittendrin. Vom Balkon seiner Wohnung aus sieht Winter die Blechlawine und nachts hört er sie durch die doppelt verglasten Fenster, von Ost nach West und West nach Ost. Nach der Wiedervereinigung haben sie die Straße begradigt und eine neue Brücke über den Teltowkanal gebaut. Die alte Brücke steht heute wie damals im Niemandsland, baufällig und einsturzgefährdet am Ende einer Sackgasse. Auf beiden Seiten mit Zaun und Stacheldraht gesichert gegen Unbefugte, bei denen es sich nicht mehr um Republikflüchtlinge handelt.

Die neue Späthbrücke ist ein Monster aus Beton und Stahl mit vier Spuren und 57 Metern Spannweite. Die alte misst 20 Meter weniger, hat nur zwei Fahrstreifen und versprüht selbst im Ruhestand den Charme eines Architekturdenkmals. 14 Stelzen, genietete Fachwerkträger, die Muster des Geländers vom Jugendstil inspiriert. So schön und aufwendig und teuer baut heute keiner mehr. „Aber was hast du von der schönen Brücke, wenn sie keiner betreten darf“, sagt Erhard Winter. Zu Mauerzeiten stand die Brücke offen, denn die Grenzer patrouillierten erst am östlichen Ufer des Kanals.

Früher war hier Niemandsland, nicht mal einen Supermarkt gab es

Wenig ist noch so wie früher in diesem östlichen Zipfel des Neuköllner Stadtteils Britz, mal abgesehen von Melde, Graukresse und kanadischer Goldrute. 1965, als Erhard Winter mit der Familie in das neu erbaute Wohnhaus zog, schlängelte sich die Späthstraße 500 Meter weit ins Niemandsland bis zur Mauer. Vorbei an der Marzipanfabrik Lemke mit dem Lädchen, in dem er immer für die Töchter einkaufte. Nachmittags saß er mit Franz, dem Kinderarzt, am Buddelkasten vor dem Haus. Sie tranken Rotwein und sahen den Kindern beim Spielen zu, wenn die nicht gerade über die Brache vor dem Haus streunten oder um die Ecke durch die Lauben an der Harlemer Straße. Am Wochenende ging die Familie am Teltowkanal spazieren und die Töchter kletterten auf den Aussichtsturm an der Brücke, um den Grenzern beim Patrouillieren zuzuschauen. Der Tante-Emma-Laden machte gute Geschäfte, denn die Supermärkte hatten es noch nicht an die Späthstraße geschafft.

Kennt sich aus. Erhard Winter ist Zeuge des Wandels. 
Kennt sich aus. Erhard Winter ist Zeuge des Wandels. Foto: Sven Goldmann

Noch in den ersten Wochen nach dem 9. November 1989 haben sich die Anwohner die Zukunft schwer vorstellen können. War schon ein bisschen merkwürdig, dass Bauarbeiter mit Presslufthämmern gleich den asphaltierten Grenzweg auf dem Grenzstreifen aufbrachen, aber wer hätte schon vermutet, dass im Hinblick auf eine künftige Autobahn kein Gewohnheitsrecht für Radfahrer entstehen sollte? Die Späthstraße blieb erst mal eine Sackgasse, weil die Brücke über den Kanal 28 Jahre lang Rost angesetzt hatte.

1992 floss der Verkehr wieder zwischen Neukölln und Treptow, doch die lärmende Konsequenz der Zeitenwende war erst zehn Jahre später zu spüren. Seit der Eröffnung der neuen Späthbrücke im Dezember 2002 gibt es auch zwei Späthstraßen. Eine alte, die sich am Marzipanlädchen vorbeischlängelt und im Niemandsland an der alten Brücke endet. Und eine neue, schnurgerade ausgebaut als Zubringer für die Autobahn, die auf dem früheren Grenzstreifen dorthin führt, wo vielleicht mal ein Flughafen eröffnet wird. Vorn an der Ecke zur Buschkrugallee musste der Buschkrug weichen. War früher mal eine Pferdewechselstation und zuletzt eine mittelmäßige Kneipe, sodass sich die Proteste gegen den Abriss in Grenzen hielten. Aber schon heute wissen die Kinder von Britz nicht mehr, woher die Buschkrugallee ihren Namen hat.

Hat sich das Leben für ihn verschlechtert?

Erhard Winter ist 78 Jahre alt und längst pensioniert. Hat das Leben sich für ihn verschlechtert? „Kann man nicht so sagen. Früher hatten wir die Natur, heute die Einkaufsmöglichkeiten. Das ist im Alter auch nicht ganz unwichtig.“ Der Tante-Emma-Laden hat längst kapituliert vor der Konkurrenz von Aldi, Lidl und Plus, die an der Späthstraße auf engstem Raum wetteifern. Das ist ein schöner Nebeneffekt für die Anwohner, wenn auch völlig unbeabsichtigt von den Investoren. Es zählen allein die Verkehrsströme, die potenziellen Kunden, die jeden Tag mit dem Auto vorbeifahren.

Die Brache vor Erhard Winters Wohnhaus ist für einen Parkplatz betoniert worden. An der Ecke zur Haarlemer Straße kaufte ein Möbelfabrikant das Gelände mit den Lauben, durch die Erhard Winters Kinder früher so gern streunten. Der Fabrikant ließ das Gelände sofort planieren und dann für ein paar Jahre leer stehen – es heißt, er habe nur einen Konkurrenten daran hindern wollen, an die logistisch so günstig gelegene Späthstraße zu ziehen. Erhard Winter versteht bis heute nicht, warum dafür die Lauben abgerissen werden mussten. Später hat der Möbelfabrikant dem Senat das Gelände zum Nulltarif verpachtet. Heute steht dort ein provisorisches Flüchtlingsheim, zwei Flügel mit blau, braun, gelb und grün gestrichenen Häusern.

Da aber der damalige Finanzsenator Ulrich Nußbaum einem späteren Kauf nicht zustimmte und der Pachtvertrag zum Ende dieses Jahres ausläuft, könnten schon bald wieder die Abrissbagger nach Britz kommen. Auch das mag Erhard Winter nicht verstehen, „wo sollen denn all die Familien hin, und erst die vielen Kinder“, er sieht sie morgens immer auf den Schulbus warten.

Zum Fest ins Flüchtlingsheim ist er nicht gegangen

Anfang September gab es im Flüchtlingsheim ein großes Fest. Erhard Winter ist nicht hingegangen, „ich kenn da keinen, jede Woche gehen Leute und kommen neue“. Auch in der traditionellen Nachbarschaft ist es unpersönlicher geworden. Die Fluktuation unter den Mietern ist hoch, von 24 Mietparteien beim Einzug 1965 sind drei geblieben. Der Kinderarzt Franz, mit dem er früher Rotwein am Buddelkasten trank, ist vor ein paar Jahren ausgezogen. Die beiden Töchter schauen manchmal noch mit den Enkeln vorbei, aber auf die Spaziergänge an den Teltowkanal kommen sie längst nicht mehr mit.

Heute geht Erhard Winter oft allein zur alten Brücke. Melde, Graukresse und kanadische Goldrute für die Enkel pflücken, und auf dem Weg dorthin kehrt er gern im Marzipanlädchen ein. Wo 1989 die Mauer abgerissen wurde, ist eine neue gewachsen, sie schluckt den Lärm der Autos auf der Piste Richtung Schönefeld. Die neue Mauer besteht aus Lärchenkernholz und darf nicht mit Holzschutzmitteln behandelt werden, weil die vom Regen ins Grundwasser gespült werden könnten. Ein bisschen soll schon bleiben vom Paradies, das mal zwischen zwei Welten lag.

Alle Folgen unserer Serie zu 25 Jahren Deutsche Einheit finden Sie hier.

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