25 Jahre Deutsche Einheit : Liebe in Orange

Torsten Lindner (West) und Andrea Köhn (Ost) arbeiten bei der BSR – und sind ein Paar. Ohne Wiedervereinigung hätten sie sich nicht kennengelernt.

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Andrea Köhn (Ost) und Torsten Lindner (West).
Andrea Köhn (Ost) und Torsten Lindner (West).Foto: Georg Moritz

Ein wenig geschafft sehen sie aus, als sie aus dem knallorangen Unimog hüpfen. Schließlich sind sie schon seit vier Uhr morgens unterwegs. Frühschicht. Torsten Lindner hat den Wagen in der Reihe mit zehn anderen ebenso orangen Autos auf dem Hof des BSR geparkt. Andrea Köhn hievt den Handkehrwagen von der Ladefläche. Riesige Garagen, hohe Salzsilos, Männer und Frauen in wiederum knallorangen Overalls, die für ein paar Minuten in Plastikstühlen fläzen, ausruhen, Kaffee trinken, rauchen. 10 Uhr früh, Mittagspause bei der Berliner Stadtreinigung.

Torsten Lindner knöpft seine Jacke auf, klopft sich stolz auf die Brust: Einsatzgruppe 6, steht da. Auf dem Rücken tanzt ein kleiner, lustiger Satan – „Teufelskerle“ steht darüber. „Wir sind die beste Truppe auf dem Hof!“, brüstet sich der 47-jährige Kraftfahrer – die Nummer eins auf dem Wagen. Andrea Köhn, 48, guckt ein wenig verlegen zu ihm auf und grinst. Ein wenig bewundert sie ihn dafür. Für seine direkte, impulsive Art. Dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Seit vier Jahren arbeiten die beiden zusammen. Seit vier Jahren sind die beiden ein Paar – auch wenn das auf dem Hof nur Eingeweihte erahnen können.

Arbeit und Privates wird getrennt

„Frau Köhn und ich trennen Arbeit und Privates zu 100 Prozent. Wenn wir morgens ins Auto steigen beginnt die Arbeit, sobald wir abends einen Fuß aus dem Hof setzen, sind wir ein Paar.“ Gerade sitzen sie im kleinen Besprechungsraum auf dem BSR-Gelände. Arbeit, nicht privat. Frau Höhn, nicht Andrea. Sie war ihm schon aufgefallen, als sie das erste Mal nach dem Bewerbungsgespräch auf den Hof kam. „Da habe ich schon gehofft, dass die meinem Team zugeteilt wird“, sagt Torsten. Sie wurde. „Wir haben uns nicht gesucht, aber gefunden“, kommentiert Torsten.

Andrea, das Mädchen aus dem Osten, und Torsten, der Urwestberliner. Obwohl sie sich doch geschworen hatte, nie wieder etwas mit einem Wessi anzufangen. Damals, kurz nachdem Deutschland wiedervereinigt war, kurz nachdem sie von ihren 100 Mark Begrüßungsgeld shoppen gehen wollte in der neuen fremden Welt.

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Ab nach Ruhleben. Rund 420.000 dunkle Hausmülltonnen werden von der Berliner Stadtreinigung (BSR) regelmäßig geleert.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: promo
24.03.2012 21:16Ab nach Ruhleben. Rund 420.000 dunkle Hausmülltonnen werden von der Berliner Stadtreinigung (BSR) regelmäßig geleert.

Dann mit dem Überangebot an Konsumgütern so überfordert war, dass sie postwendend zurückfuhr. Ohne nur einen Pfennig ausgegeben zu haben. Überwältigend, erdrückend, ein bisschen auch schockierend war diese Großstadt für die junge Frau Anfang 20. Dann kam dieser 17 Jahre ältere Westberliner, der sich so ein bisschen für Richard Gere gehalten haben muss und seiner Andrea, seiner Julia Roberts, immer wieder eintrichtern wollte, dass er sie Pretty-Woman-mäßig befreit hätte. Aus der Prekarität des Ostens. Der provinziellen Einöde.

Stube gegen Wohnzimmer

Dem Kommunismus. Der ihre Geschichten aus der Pionierjugend als Fähnlein-Fieselschweif-Märchen verhöhnte. „Torsten hat nie solche Sprüche gebracht, mich nie in eine Schublade gesteckt. Nur wenn ich Stube…“ – „Das heißt Wohnzimmer!“, fährt Torsten dazwischen. Beide müssen lachen. Torsten Lindner läuft innerlich ja schon heiß, wenn mal wieder jemand seiner Freundin blöd kommt auf dem Hof mit einem dummen Spruch wie „Willste mal ’ne Banane?“. Für ihn ist das wie eine persönliche Kränkung. Freundin und die Arbeit beim BSR, das ist sein Leben.

Aber ausflippen, wie im Stadion, tut der treue Herthafan deswegen nicht. Nicht mehr. Seit er Andrea hat. „Frau Köhn ist mein Ruhepol. Sie hat Ordnung in mein Leben gebracht – vielleicht liegt das auch ein bisschen an der Ost-Erziehung“, vermutet er. Und überhaupt, glücklich gemacht haben ihn seine Wessi-Frauen nie.

„Die Ossi-Frauen haben eine ganz andere Einstellung zur Arbeit. Die arbeiten viel intensiver, ist mein Eindruck“, sagt er. Wieder lächelt Andrea Köhn verlegen. Zunächst hatten sie es noch verheimlicht auf dem Hof, dass sie ein Paar sind. Aber spätestens mit der gleichen Postanschrift wäre es dann eh aufgefallen. Und für die Gruppe 6, die „Teufelskerle“ ist ein Pärchen im Team kein Problem? „Sie ist ein klasse Typ und wir sind ’ne richtig gute Truppe – das hat sofort gepasst!“

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