Berlin : 26. Oktober 1989

Vor 15 Jahren berichtete der Tagesspiegel über Krenz, Bohley & Co.

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In zwei Wochen jährt sich der Mauerfall zum 15. Mal. Aus diesem Anlass wird der Tagesspiegel von heute an täglich Artikel dokumentieren, die jeweils am Tag vor genau 15 Jahren in dieser Zeitung erschienen und über die sich andeutende Wende in der deutschen Geschichte berichteten.

Krenz vor der West-Presse. Der neue Staats- und Parteichef Krenz bringt offenbar frischen Wind in den öffentlichen Umgang mit Problemen seines Landes: Nach dem Treffen mit dem Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, Mischnick, gestern in Ost-Berlin, stand der „erste Mann“ der DDR bei einem halbstündigen Pressegespräch – einem Novum in Ost-Berlin – Rede und Antwort. Krenz ging auf alle Themen ein: DDR-Opposition, Reiseerleichterungen, die Mauer und das Verhältnis zur Bundesrepublik. Schon auf dem Weg in seine Arbeitsräume frotzelte Krenz mit einigen westlichen Journalisten (…): „Ach, da kommen ja meine wahren Freunde“.

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Mit Kerzen zum Alex. Etwa 200 Menschen sind gestern Abend von der Ost-Berliner Gethsemane-Kirche im Bezirk Prenzlauer Berg zu einem Schweigemarsch zur Marienkirche am Alexanderplatz aufgebrochen. Die Demonstranten trugen brennende Kerzen in den Händen. Transparente oder Protestplakate waren zunächst nicht zu sehen. Beim Abmarsch von der Gethsemane-Kirche wurde der Zug zunächst von einem Offizier der Polizei gestoppt. Er verlangte Auskunft über den Sinn und das Ziel der Kundgebung.

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Neues Forum, alte Garde. Bis spät in die Nacht, so berichtete gestern die (Ost-) „Berliner Zeitung“, legten Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler und Kulturpolitiker vor überfülltem Saal einem jugendlichen Publikum ihre realistischen Träume von der sozialistischen DDR dar. Doch weniger die Vorstellungen der einzelnen als vielmehr die Besetzung des Podiums war das Interessante an der Veranstaltung im Ost-Berliner Haus der Jungen Talente. Dort war die Mitinitiatorin der Oppositionsbewegung „Neues Forum“, die Malerin Bärbel Bohley ebenso vertreten, wie der ehemalige Spionagechef Markus Wolf (…) Mit „bewegenden Worten“, so heißt es in der Zeitung, äußerte Bärbel Bohley, sie sei dankbar, daß sie hier sitzen und reden können statt „woanders hinzudenken und hinzusehen“. Markus Wolf habe die Worte eines einleitenden Songs aufgegriffen: „Mit dem Gesicht zum Volke“.

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AStA lobt die DDR. Der Akademische Senat der Freien Universität hat gestern die „Grußbotschaft“ des AStA zum 40-jährigen Jubiläum der DDR mit großer Mehrheit verurteilt. Inhalt und Geist dieser Erklärung seien ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die sich in der DDR für Freiheit und Menschenwürde einsetzten. Wie berichtet, hatte der AStA Anfang Oktober eine Erklärung veröffentlicht, in der DDR-Verdienste gewürdigt wurden.

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