Eine Abhängigkeit bleibt für immer

Seite 2 von 3
35 Jahre danach : Eine Begegnung mit Christiane F.
Christiane F.
von Venen und Genen. Christiane Felscherinow sagt, dass sie bei ihrer guten Konstitution mit den Drogen angefangen habe, sei eine...Foto: dpa

Nach der Geschichte mit dem Mädchen und der Monatskarte macht Christiane eine erste Pause. Rucksack ab, Jacke aus! Das ist wichtig, denn zu den Nebenerscheinungen des Methadons gehört es, dass sie jederzeit ins Schwitzen kommt. Methadon ist ein vollsynthetisches Opiat, das die Entzugserscheinungen beseitigt, ohne den Süchtigen den Heroin-typischen Kick zu verschaffen. Christiane hat immer mal für ein paar Jahre ohne Heroin gelebt und ist auch jetzt clean, aber eine Abhängigkeit bleibt für immer.

Christiane Felscherinow hat wenig von dem, was die Allgemeinheit mit einem Langzeitabhängigen verbindet. Christiane sagt von sich selbst, sie verlasse das Haus nie ungeschminkt, sie färbt ihr Haar kastanienrotbraun und lackiert die Nägel mit einem schmalen roten Streifen, wie es die ganz jungen Dinger tun. Sommersprossen sprenkeln ihr Gesicht, das nach wie vor geprägt wird von den riesigen Augen, mit denen sie als 16-Jährige vom „Stern“-Cover Kinder, Eltern und Lehrer und sonst wen faszinierte.

"Ich habe so großartige Gene"

Himmel, wie würde diese Frau heute aussehen, wenn sie ein halbwegs gesundes Leben gelebt hätte? „Das ist ja meine doppelte Sünde“, sagt Christiane und dass sie eigentlich hundert Jahre alt hätte werden können, „ich habe so großartige Gene! Aber ich musste ja mit den Drogen anfangen.“

Man muss schon direkt neben ihr sitzen, um die Einstichsprengsel am Unterarm zu sehen. Dauerhafte Erinnerung an einen missglückten Schuss. Und da ist noch ein leicht verhärmter Zug um ihre schmalen Lippen zu erkennen. Oder bildet man ihn sich nur ein, weil er doch da sein muss bei einer Frau wie ihr?

Seitdem der „Stern“ vor zehn Tagen erste Auszüge des neuen Buchs veröffentlicht hat, wissen alle, was vorher immer mal wieder auf dem Boulevard kolportiert wurde. Das Mädchen vom Bahnhof Zoo ist nie richtig vom Heroin losgekommen. Ob sie in der Schweiz mit Patricia Highsmith und Federico Fellini zusammensaß, in den USA mit den Jungs von AC/DC und Van Halen durchmachte oder für ein paar Jahre auf einer griechischen Insel lebte – die Droge war immer dabei. Auch beim Treffen mit ihrem Teenageridol David Bowie, er trug zu Christianes Entsetzen einen Schnurrbart. Das Mädchen vom Bahnhof Zoo flipperte durch eine Welt, die es nur selten nüchtern ertrug.

Christiane Felscherinow hat die alten Geschichten satt

„Immer wieder die alten Geschichten“, sagt Christiane und dass sie die Fragen satthat nach den Leuten von damals, nach Detlef und Stella und den anderen Leidensgefährten aus dem ersten Buch. „Haste auch dieses Bild gesehen, wie ich auf einem Bett liege, die Augen halb geschlossen? Darunter steht immer: Christiane F. nach einem Rückfall. So ein Blödsinn. Ich bin doch nicht so blöd und lasse mich nach einem Rückfall fotografieren!“
In der Kreuzberger Kneipe bestellt sie Apfelsaft. Und macht doch kein Geheimnis daraus, dass sie manchmal zu anderen Getränken greift. Apfelkorn, Gin Tonic, Wodka-Orange. Wenn der Stress zu groß wird, fährt sie auch mal morgens in die Hasenheide und raucht einen oder zwei Joints. In der U-Bahn hält sie immer den Ellenbogen ausgestreckt, damit keiner gegen die schwer geschädigte Leber stößt. Christiane leidet an Fibrose, eine Stufe vor der Zirrhose. Das schränkt die Essgewohnheiten ein, „aber manchmal betrüge ich mich selbst und esse nur die Soße vom Sauerbraten“.

Ihre Stimme ist fest, auch wenn sie jetzt schon seit einer halben Stunde ununterbrochen redet. Christiane kommt vom Mädchen auf dem S-Bahnhof über die griechische Wirtschaft bis zum Fernsehprogramm.
„Eigentlich darf ich das ja gar nicht sagen, aber ganz früher hab ich nie Rundfunkgebühren gezahlt, warum auch, ich hab ja auch nie was gesehen. Aber jetzt gibt es ja diese ... wie heißt das doch gleich?“
Haushaltsabgabe.„Genau! Aber jetzt muss man ja auf jeden Fall zahlen, und da gucke ich mir das auch an, meist bis spät in die Nacht, ich kann ja ausschlafen.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

21 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben