Berlin : 3RVII: Herzlose Töne im Martin-Gropius-Bau

Sebastian Schneller

3RVII sieht aus wie die Kreuzung von Stereoanlage und Musikautomat: Ein paar Apparate, ein Plastik-Kopf mit Zylinder und zwei Metallarme mit Hemdsärmeln. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass sie sich um eine Queerflöte legen. Das Mundstück des Instrumentens liegt unter zwei fleischfarbenen Gummistücken, die zu dem Plastik-Kopf gehören.

Aber natürlich kann 3RVII viel mehr als seine Urahnen, die Musikautomaten, die die Töne mechanisch wiedergaben. Gestatten, der Welt erster flötenspielender Roboter - hier liegt die Betonung auf "spielen", denn die Töne werden nicht einfach computertechnisch simuliert, sondern mit Hilfe von zwölf Motoren nach menschlichem Vorbild erzeugt. Der Mausklick am Computer löst eine ganze Bewegungskette aus. Der durchsichtigen Zylinder zieht Luft. Die zwei Gummibänder vibrieren, ein Metallfinger drückt die Klappe mit dem "C", die Flöte gibt Ton und die 7-Hügel-Show ist um eine Attraktion reicher.

Aber natürlich ist RV mehr als eine bloße Jahrmarktssensation. 3RVII ist eine Zwischenstation auf der Suche nach dem mathematischen Modell des Menschen. Hat man die passenden Logarithmen und Gleichungen für alle Denk- und Nervenprozesse erst einmal gefunden, steht einer kompletten Übersetzung der Zahlenfolgen in Computerprogramme nichts mehr im Wege. Davon sind zumindest die Erfinder des Roboters von der japanischen Waseda-Universität überzeugt. Für die Forscher um Professor Atsuo Takanishi ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann der Roboter nicht nur Flöte spielen, sondern auch durch die Gegend marschieren kann, wie P3, der die "7-Hügel- Besucher" noch bis vor kurzem begeisterte.

Bis es soweit ist, dient der Plastik-Kopf mit Hut über den Kunstlippen noch als reine Dekoration. Aber wenigstens lässt er so RV nicht nur android handeln, sondern auch android aussehen und hilft der schwachen Vorstellungskraft auf die Füße. Dass Ausstellungsbesucher unterhalten sein wollen, hat Ausstellungsleiter Gereon Sievernich schon lange kapiert. Und er ist zuversichtlich, dass auch der neue Roboter als Publikumsmagnet funktioniert. "Kennen sie die Lincoln-Puppe in Disneyland? Die ist doch langweilig im Vergleich zu unseren Robotern", schwärmt er. Und überhaupt: "Kann man sich etwas poetischeres vorstellen, als einen flötenspielenden Roboter?"

Sieben Stücke kann RV schon, die kleine Nachtmusik und ein halbes Duett von Mendelssohn-Bartholdy. Aber am schönsten spielt der Roboter "Du, du liegst mir im Herzen." Die Scheibe im Luftzylinder steigt und fällt, die Ventile auf der Queerflöte klappen leise, ein Herz tickt nirgends. Nur hinten hört man den japanischen Ingenieur vor dem Rechner leise fluchen, weil die Datei mit dem nächsten Lied nicht aufgeht. Der Flötenroboter spielt bis zum 27. August dreimal täglich um 11, 14 und um 17 Uhr. Die zweite Hälfte des Mendelsohn-Duetts wird dabei von dem japanischen Flötisten Kunimitsu Wakamatsu übernommen.

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