• 50 Stunden, die die Welt veränderten: Wie Tagesspiegel-Redakteure den Mauerfall erlebten

50 Stunden, die die Welt veränderten : Wie Tagesspiegel-Redakteure den Mauerfall erlebten

Die Mauer ist gerade offen, doch ein West-Wachmann soll sein Übersiedlerheim dichtmachen? Eine Ost-Familie kauft sich die erste Kiwi, aber wie wird die zubereitet? Man hat den großen Moment leider verschlafen? Auch solche Absurditäten, Fragen, Frustrationen gehörten zu den Erfahrungen des 9. November Jeder, der dabei war, weiß solche Geschichten zu erzählen.

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Berliner sitzen auf der Mauer am Brandenburger Tor. -Foto: dpa


ÜBERHOLT



Der Morgen war trübe und kalt, am Übergang Invalidenstraße fertigten die DDR-Grenzer lustlos und mit dem eingefrorenen Misstrauen im Gesicht die Besucher aus West-Berlin ab. Für den Vormittag des 9. November 1989 war der Tagesspiegel zur Zentrale der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands (LDPD) in der Johannes-Dieckmann-Straße (heute Taubenstraße) bestellt, um die autorisierte Fassung eines Interviews abzuholen. Drei Tage zuvor hatte Parteichef Manfred Gerlach, ein spröder Funktionärstyp Anfang 60, zahlreiche Fragen beantwortet – schwankend zwischen Kritik am wankenden SED-Regime und der jahrzehntelang eingeübten Anpassung.

Das autorisierte Gespräch im Gepäck, ging es zurück nach West-Berlin, zur Redaktion des Tagesspiegels. Dann wurde das umfangreiche Interview gedruckt. Zu lesen war da Gerlachs Äußerung, „die jetzige Situation beweist, dass die SED im Volk kein Vertrauen mehr hat“. Doch von Wiedervereinigung hielt er nichts, „die DDR kann auf keinen Fall eine zweite Bundesrepublik sein, dann könnte man sie ja gleich zusammenlegen“. Ein wenig Optimismus erlaubte sich der LDPD-Vorsitzende aber auch. „Ich bin fest davon überzeugt: 100 Jahre wird die Mauer nicht stehen.“

Am frühen Abend war Seite 7 fertig und wurde belichtet, danach war nichts mehr zu ändern. Etwa eine Stunde später gab es erste Gerüchte: Die Mauer ist offen. Dann wurde es Gewissheit. Menschenmassen strömten durch die Grenzübergänge, vermutlich auch viele Mitglieder der LDPD. Das Interview erschien trotzdem am 10. November im Tagesspiegel. Ein bizarres Dokument: Es hatte keine 100 Stunden gedauert, bis die Mauer nach dem Gespräch in der Parteizentrale hinfällig war. Frank Jansen

GEWINN – VERLUST

Den ersten Gang zu den unbekannten Brüdern und Schwestern machten wir gemeinsam als Familie, meine Eltern, meine Schwester und ich. Hand in Hand liefen wir über die Brücke an der Bornholmer Straße, jubelnd durchquerten wir die Kontrollanlagen, prosteten den verunsicherten Soldaten der Nationalen Volksarmee zu. Als wir drüben anlangten, zeigte meine Mutter auf die grauen Altbauten des West-Berliner Arbeiterbezirks Wedding und rief entsetzt: „Hier sieht es ja aus wie bei uns!“ Wir hielten inne. Gleich beim ersten Mal merkten wir, dass wir uns den im Werbefernsehen glitzernden Westen erst erobern mussten. Vielleicht beschlich uns da schon die Ahnung, dass dem Wende-Gewinn auch Verluste gegenüberstehen könnten. Verluste an Sehnsucht.

Der Gewinn war Freiheit; eine Wahnsinnslust. Es war nicht nur das Westgeld, das den Seitenwechsel in ein Glücksgefühl ummünzte, nicht der Doppelkassettenrekorder, den ich mir für 99 von 100 D-Mark Begrüßungsgeld kaufte, nicht die Kiwi, für die ich danach die letzte Mark ausgab. Viel mehr Glückseligkeit lag in jener Szene, in der meine Mutter den türkischen Gemüsehändler in Kreuzberg fragte, wie man die Kiwi denn jetzt kochen müsse. Sein ansteckendes Lachen schallt mir bis heute in den Ohren: „Schälen, nicht kochen.“ Und er schenkte uns eine zweite Kiwi zum Üben. Solch eine peinlich-schöne Begebenheit kann jeder Ostdeutsche erzählen, wenn er gefragt wird.

Jeder erinnert sich gern an die Leichtigkeit, mit der Fremde sich umarmten bei den wöchentlichen Grenzübergangsfeiern. Auch an die Ernsthaftigkeit, mit der einst entmündigte Bürgerinnen und Bürger an den Straßenecken über Politik diskutierten – freiwillig. Klar, später verschwand die Unbekümmertheit in den Plastiktüten, die jeder mit sich herumtrug, und die Konsumwelt offenbarte ihren tristen Kern auf den Gebrauchtwagenmärkten, deren Glitzerbänder die Ausfallstraßen der ostdeutschen Städte verschlimmschönerten. Dass auch der Kapitalismus eine Kehrseite hatte, wusste man noch nicht, man hätte es auch niemandem geglaubt. Was geblieben ist von jener Nacht? Die Freiheit; eine Wahnsinnslust. Robert Ide



GEGEN DEN STROM

In jener Nacht, die niemand, der dabei war, bis heute vergessen hat, war ich einer von den Hunderten, die gegen den Strom der Zehntausende gingen. Einer von den West-Berlinern, die erst zaghaft, dann mutig ausprobierten, wie das war, am Übergang Invalidenstraße einfach an den Grenzern vorbei zu laufen und immer tiefer in den Osten hinein. Wie es war, wo alle hinwollten, wusste ich. Und bevor ich später am Ku’damm diese Nacht feierte wie alle, wollte ich fühlen, wie das für mich war: ohne Passierschein, ohne Zwangsumtausch unterwegs zu sein, zur Chausseestraße und darüber hinaus, in meiner so plötzlich vergrößerten und hier so mattbraun erleuchteten Stadt. Ohne Papiere, so wie die anderen ohne Visum unterwegs waren, in einem neuen, beiderseits erobernden Hin und Her. Die einen nahmen lachend, weinend, jubelnd die gleißende Insel in Besitz, die auf ihren Landkarten immer nur als weißer Fleck markiert gewesen war, ich watete vom vertrauten Ufer weg in ein unermessliches dunkles Meer. Der Jubel, der noch in der Nacht millionenfach verewigt wurde und mit dem ich mich bald vereinigte, per S-Bahn ab Lehrter Bahnhof Richtung Zoo, tobte sich einstweilen in meinem Rücken aus. So horchte ich für ein, zwei Stunden auf den eigenen Jubel: dass das jetzt alles auch meines sein würde, dass die Mauer um unsere müde gewordene halbe Stadt gefallen war, dass da ein Land namens Polen zu fühlen war nur 80 Kilometer weiter, dass ich mitten in einem Kontinent aus Weite leben würde und nicht mehr im immerselben Stein und Stein und Stein. Ich war glücklich wie die, die mir entgegengingen, glücklich aus eindeutig anderen und doch in der Tiefe aus denselben Gründen: Das war erstmal das Wichtigste. Jan Schulz-Ojala



BEFEHLSVERWEIGERUNG

Der Job war schlecht bezahlt, zehn Mark die Stunde. Die Arbeitszeiten waren gut: nachts. Das ließ sich mit dem Studieren vereinbaren, wenn man es nicht übertrieb und sich nicht zu oft einplanen ließ. Meine Hausarbeiten habe ich fast alle während des Nachtdienstes geschrieben. Hart wurde das Los des Wachmanns erst in den letzten beiden Stunden zwischen fünf und sieben Uhr morgens. Da ging es nur noch ums Überleben – schwarzer Kaffee und Mixkassetten haben geholfen. Der Ghetto-Blaster gehörte zur Ausrüstung, wenn ich abends um sieben zur Zwölfstundenschicht einrückte. Das war auch am 9. November 1989 so. In grauer Busfahrerhose und hellblauem Busfahrerhemd – gefühlte 100 Prozent Kratzpolyester, aber Uniform muss sein – schob ich in jener Nacht Dienst in einem Übersiedlerheim in Steglitz. In solchen Plattenpavillons waren DDR-Bürger untergebracht, die im Sommer über Ungarn in den Westen geflohen waren. Nachdem Günter Schabowski einige Kilometer weiter mittig sein „sofort, unverzüglich“ ins Mikro genuschelt hatte, klingelte das Diensttelefon im Wachmann-Kabuff. Anweisung vom Wachmann-Chef: Keinen reinlassen. Mein Wachmann-Auftrag war klar: Mich Menschen in den Weg zu werfen, die soeben die Berliner Mauer überwunden hatten, um zu ihren Lieben zu gelangen. Lange habe ich über die Befehlsverweigerung nicht nachgedacht. Zurück ins Kabuff, Ghetto-Blaster an, Beine hoch, macht doch, was Ihr wollt.

Ärger hat’s keinen gegeben. Selbst Wachmann-Chefs haben Sinn für Historisches. Auch wenn sie dafür etwas länger brauchen. Markus Hesselmann

DER TAG DANACH

Es war ja nicht so, dass ganz Ost-Berlin am 9. November ’89 darauf wartete, aus dem Osten raus- und in den Westen reingelassen zu werden. Die schlafende Mehrheit verpasste das Jahrhundertereignis und erfuhr erst am nächsten Morgen, welches Wunder sich zugetragen hatte. So wurde Freitag, 10. November, für die meisten der Tag, an dem sie zum ersten Mal lässig, stolz und voller Neugier, aber noch ein wenig ungläubig, die auf Durchgang gestellten Schlagbäume passierten. Die Journalistenkollegen, die abends ferngesehen hatten, waren besser dran. Sie hatten das Ereignis ihres Lebens schon hinter sich, schwärmten mit dunklen Ringen unter den Augen vom allgemeinen Wahnsinn, von der Kreuzberger Nacht und vom tanzenden Kurfürstendamm in lauter Sektseligkeit. Schreibt das auf, so viel und so lang wie möglich, und dann rein ins Blatt! sagten wir am nächsten Morgen im „Morgen“, und jeder hämmerte in die Tasten, während die anderen zum Checkpoint Charlie eilten, sich in die lange Schlange stellten und jubelnd den Stempel für die unbegrenzte Ausreise in Empfang nahmen. Manchmal traute man dem Frieden nicht. Je schneller man „rübermachen“ konnte, desto besser, wer weiß, was die noch aushecken, wenn ein ganzes Volk losmarschiert, einfach so. Die Propaganda hatte die Mauer immer damit begründet, dass die Bundeswehr eines Tages mit klingendem Spiel durchs Brandenburger Tor gen Osten marschieren würde. Ach, und nun ist das alles umgekehrt, wir marschieren freudetrunken beim Klassenfeind ein, und der schenkt uns auch noch 100 D-Mark, damit ihn alle lieben lernen.

Meine Freudentränen kommen am Abend, als ich, allein am Schreibtisch, im Radio die Rede Walter Mompers vorm Schöneberger Rathaus höre: Wir sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt. Jetzt wird es Zeit. Ich gehe rüber. Jeder, der mir an der Kochstraße entgegenkommt, hat die Sondernummer der „taz“ in der Hand. Ich frage einen West-Polizisten, wo es die gibt. Darauf der: „Wenn Se nur wegen der taz kommen, könn’ Se gleich wieder kehrt machen.“ Sehn Se, det is Berlin. Lothar Heinke

MAUERGESCHICHTE AUF DVD

WELTBEWEGENDE SEKUNDEN

Die Uhrzeit der Wende ist exakt festgehalten, 18.53 Uhr. Günter Schabowski, Sekretär des ZK der SED für Informationswesen, gibt am 9. November 1989 die neuen Reiseregelungen für DDR-Bürger bekannt. Ab wann sie gelten, will einer der Journalisten wissen: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Das waren in den „50 Stunden, die die Welt veränderten“ die entscheidenden Sekunden. „Als die Mauer fiel“, hieß eine ARD-Sendung am 4. 11. 1999, eine Chronologie des 9./10. Novembers 1989 von Hans-Hermann Hertle und Gunther Scholz, die jetzt auf DVD vorliegt.

DIE EDITION

Die DVD ist Teil der zwölfteiligen Edition „Die Berliner Mauer“. Der RBB veröffentlicht in Kooperation mit dem Tagesspiegel in den Monaten bis zum Mauerfall-Jubiläum je eine DVD mit historischen Fernsehsendungen. Die Käufer können sich so ihr eigenes TV-Archiv zu Bau, Alltag und Fall der Mauer zusammenstellen. Bevor diese DVDs in den Handel kommen, gibt es sie drei Wochen exklusiv im RBB-Shop (Kaiserdamm 80-81 in Charlottenburg oder unter www.rbb-onlineshop.de) und auch im Tagesspiegel-Shop (Potsdamer Straße 77 in Tiergarten oder unter www.tagesspiegel.de/shop) zum Einzelpreis von 14,99 Euro.

DAS NÄCHSTE THEMA

Die nächste DVD der Mauer-Reihe erscheint am 4. September und behandelt zwei Themen: Zum einen die „Wendezeiten – 1990/91“, vom Sturm auf die Stasi bis zur Öffnung der Akten; zum anderen die „Wendekinder“, die heute längst Erwachsene sind. ac

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