Berlin : 52 Wochen nicht beimArzt: Geld zurück

CHRISTOPH STOLLOWSKY

AOK zahlt Bonus - andere Kassen: "Kein Spareffekt"VON CHRISTOPH STOLLOWSKY BERLIN.Wer als AOK-Mitglied in Berlin im Jahr 1996 keine oder nur wenige ärztliche Leistungen in Anspruch genommen hat, wird demnächst von seiner Kasse belohnt: Er erhält möglicherweise mehrere hundert Mark seiner gezahlten Kassenbeiträge zurück.Dieser Bonus mit der maximalen Höhe eines Monatsbeitrages ist der Clou eines Anfang 1996 gestarteten Modellversuches, mit dem die Allgemeine Ortskrankenkasse ihre Mitglieder halten und Kosten sparen will.

Nach dem im vergangenen Juli verabschiedeten Neuordnungsgesetz für die gesetzliche Krankenversicherung könnte heute jede Kasse Beiträge zurückerstatten, doch außer der AOK, die ihren Versuch noch genehmigen lassen mußte, sind alle anderen Kassen skeptisch und beobachten argwöhnisch, wie sich die Konkurrenz verhält. Konkurrenz war auch das Stichwort für die Berliner AOK, als sie sich zu dem Test entschloß.Denn im Vergleich zu anderen gesetzlichen Kassen sind unter ihren Mitgliedern überproportional viele alte Menschen sowie Familien mit geringen Einkommen.Durch diese Struktur sind ihre Einnahmen verhältnismäßig gering, die Ausgaben aber hoch und die Beiträge mit 14,9 Prozent um ein knappes Prozent happiger als bei den Ersatzkassen.Folge: Junge Besserverdiener suchen sich günstigere Privat- oder Ersatzkassen.Für sie könnte das Bonus-Modell ein Argument sein, der AOK treu zu bleiben.Sprecherin Gabriele Rähse: "Wir wollen einen Ausgleich zwischen jungen und älteren Mitgliedern erreichen".

Ob sich diese Hoffnung erfüllt, ist unklar.Zur Zeit erhält die AOK erst von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) alle Daten über die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen durch ihre Mitglieder.Wieviele Berliner welche Rückzahlungen erhalten, ist noch offen.Es können ohnehin nur jene Mitglieder mit einem Bonus rechnen, die einen Antrag zur Teilnahme am Versuch stellten, das sind etwa 100 000 von 840 000 Beitragszahlern.Gingen sie überhaupt nicht zum Arzt, erhalten sie den selbst gezahlten Beitragsanteil zurück und obendrauf den Arbeitgeberanteil.Bei der AOK ist dies maximal ein Monatsbeitrag von 870 Mark.Waren sie selten beim Arzt, werden dessen Kosten vom jeweiligen Beitrag, beziehungsweise Bonus, abgezogen, bis nichts übrigbleibt.Beispiel: 600 Mark Beitrag, 250 Mark Arztkosten, bleiben 350 Mark Rückzahlung.

Aus Sicht der anderen großen Kassen verstößt die Rückzahlung gegen das Solidarprinz."Gesunde werden belohnt, Kranke bestraft", so die Techniker Krankenkasse.Bei der AKO Berlin ist die Mitgliedsstruktur allerdings derart schief, daß die Solidarität ohnehin nicht mehr recht funktioniert und sie schon vor der Pleite stand.Das umstrittene Modell soll sie retten, doch aus Sicht seiner Gegner ist es ungeeignet, um Kosten zu senken und Mitglieder zu werben.

Die Betriebskrankenkassen belegen dies sogar mit eigenen Modellversuchen.Dabei ließen sich die Versicherten nicht weniger behandeln, der Anreiz eines Monatsbeitrages war zu gering und die Annahme, viele Menschen gingen unnötig zum Arzt, erwies sich als verfehlt.Folge: Die Gesunden kassierten, Kosten und Beiträge kletterten.Aus Sicht von BKK-Sprecher Gunther Sperzel erfordert die Rückzahlung zudem "eine Menge Verwaltungsaufwand", verleite Patienten, ihre Krankheit zu verschleppen und bringt den Kassen selbst bei einem Verzicht auf den Arzt kaum unmittelbare Einsparungen.Denn die KV überweist den Kassen für jeden Patienten einen jährlichen Pauschalbeitrag, Einzelbehandlungen schlagen bei ihnen gar nicht zu Buche.

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