Berlin : 552 Mal zugestochen

Immer wieder gibt es spektakuläre Fälle von Gewalt mit Messern. Doch die Zahl der Attacken bleibt nahezu gleich

Tanja Buntrock

Im ersten Halbjahr 2006 hat es 552 Messerangriffe in Berlin gegeben. Dies hat eine Kleine Anfrage der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus ergeben.

Der CDU-Innenexperte Peter Trapp sprach gar von einem „explosionsartigen Anstieg“. Doch da irrt sich Trapp. Denn die Zahl 552 beinhaltet Messerattacken von Jugendlichen und Erwachsenen. Er verglich diese Zahl mit der Statistik der Jugendgruppengewalt im ersten Halbjahr der vergangenen Jahre: Im Jahr 2005 lag die Zahl der Jugendgruppengewalt mit Stichwaffen im selben Zeitraum bei 349 Taten, im Jahr 2004 waren es 383 Fälle.

Die neuen Zahlen des ersten Halbjahres 2006 zeigen, dass etwa die Hälfte, also rund 331 der ermittelten Tatverdächtigen, Jugendliche und Kinder waren. Damit liegt die Zahl der Messerangriffe bei Jugendlichen sogar noch unter der im Vorjahr.

Der Amoklauf eines 16-Jährigen im Regierungsviertel im Juni mag sicher ein extremer Einzelfall gewesen sein. Dutzende Male hatte der Schüler auf ahnungslose Passanten nach der Eröffnungsparty des Hauptbahnhofs eingestochen. Auch die Tat eines 18-Jährigen, der im Dezember 2005 im BVG-Bus einen gleichaltrigen Oberschüler mit einem Küchenmesser niederstach und tötete, schockierte die Stadt. Und im April dieses Jahres hatte ein 16-Jähriger aus Spandau ein Messer auf einen BVG-Busfahrer geworfen und dessen Halsschlagader nur knapp verfehlt. Er überlebte die Attacke und wurde mit einer blutenden Wunde am Oberkörper in die Klinik gebracht.

Doch diese Ereignisse und auch die Zahlen zeigen einen Trend: Messer sind besonders bei jugendlichen Gewalttätern die mit Abstand am meisten benutzten Waffen. Die Polizei kennt dieses Phänomen schon lange. Stichwaffen wurden nach Polizeiangaben im vergangenen Jahr in etwa zwei Dritteln der 991 registrierten Fälle von Jugendgruppengewalt mit Waffengebrauch eingesetzt. Schreckschusswaffen und Tränengas spielten eine geringere Rolle. In der Jugendgewalt werde in jedem siebten Fall eine Waffe eingesetzt.

Doch warum ist es für die jungen Menschen so attraktiv, ein Messer bei sich zu haben? Experten aus Polizei und Justiz sagen, dass die meisten Jugendlichen den Besitz von Messern damit begründen, dass sie sich verteidigen und vor Angriffen schützen wollen. Doch „Messer machen Mörder“, heißt es: Wer erst einmal ein Messer trägt, der setzt es auch schnell als Waffe ein. Ein Jugendexperte der Polizei, der vor allem mit Neuköllner Jugendlichen zu tun hat, erklärt: „Viele Jugendliche haben es schlichtweg nicht gelernt, Konflikte verbal zu lösen.“ Umso schneller werde zur Waffe gegriffen. Die Verschärfung des Waffengesetzes im Frühjahr 2003, nach der beispielsweise auch so genannte Butterfly-Messer verboten wurden, hat nach Meinung vieler Experten kaum etwas gebracht.

Auch in den Schulen klagen Lehrer darüber, dass die Zahl der Bedrohungen mit Waffen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. 894 Gewalttaten gab es laut Statistik im Jahr 2005 an Berliner Schulen: In 70 Fällen waren Waffen – nicht nur Messer – im Spiel. Bei 54 Taten hatten Schüler ein Messer dabei oder setzten es ein. Der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Frank Henkel, appellierte an Schulen und Jugendeinrichtungen, für die Sicherheit und Kontrolle der Schüler Sorge zu tragen. Die Politiker wiesen auf ein Projekt in Bremen hin: Dort können Schüler Messer und andere Waffen anonym und straffrei bei der Polizei abgeben.

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