Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Als über Nacht in West-Berlin 40 Millionen Ost-Mark futsch waren

Die ehemalige Mauer wird ja in diesen Tagen von allen Seiten betrachtet, gedeutet und gelegentlich naseweis gedeutelt. Sie warf frühe Schatten. Das SED-Regime bevorzugte Sonntage für seine aggressiven Aktionen, die mit dem 13. August wahrlich massiv wurden. An einem Oktober-Sonntag 1957, es war auch ein 13., wurde die doppelte Buchführung im Berliner Alltag (Ost- und Westgeld) erheblich durcheinander gebracht. Jener Schwarze Sonntag geriet in Vergessenheit. Ich war 19 und Schüler in Reinickendorf (Bertha-von-Suttner-Schule), wohnte in Lichterfelde-West. Familienmitglieder und der Freundeskreis waren auf die ganze Stadt - Ost- wie West-Berlin - verteilt. In jenen fünfziger Jahren blieb Berlin der einzige einigermaßen gesamtdeutsche Handlungsspielraum. Es war eine Stadt mit wahrhaft doppelter Buchführung im Alltag seiner Bewohner: mit Grenzgängern hüben und drüben; denn es gingen rund 17 000 West-Berliner nach Ost-Berlin zur Arbeit, und zwar offiziell, rund 35 000 Ost-Berliner mehr oder weniger offiziell im Westteil. Im Radio wurden regelmäßig die Ost-West-Kurse der Wechselstuben gemeldet, durchschnittlich 4 : 1.

An jenem Schwarzen Sonntag traf alle Wechselstuben ein gewaltiger Schlag. Insgesamt waren in West-Berlin liegende rund 40 Millionen Ostmark über Nacht wertlos geworden, futsch. Das traf nicht nur Wechselstuben, sondern auch West-Geschäfte an Sektorenübergängen, die für Ostgeld verkauften. Überraschend änderte das SED-Regime über Nacht seine Banknoten und gestattete seinen Bürgern nur ein Bar-Kopfgeld von 300 Mark. Dieses musste sogleich in die neuen Scheine umgetauscht werden. Ich hörte die Nachricht im Rias am Sonntagmorgen. Es wurde ein aufregender Tag. Ost-Berlin nannte mit gewohnt voller Wasserspülung diesen Coup einen Schlag gegen Spekulanten, Monopolisten und Militaristen, Agenten- und Spionageorganisationen, Kriegstreiber et cetera pp. Daher liege es im Interesse der DDR-Bürger und des demokratischen Sektors (SED-Bezeichnung für Ost-Berlin) diese Banknoten wertlos zu machen. In Wahrheit war es nicht nur ein gezielter Schlag gegendie West-Berliner Wechselstuben, sondern auch gegen die eigenen Bürger, die ihr Geld nicht auf die Banken trugen, sondern daheim oder bei Freunden oder Verwandten in West-Berlin aufbewahrten, um jederzeit ein Startgeld nach einer Flucht zur Hand zu haben. Außerdem galt dieser Überraschungsangriff der Abschöpfung überschüssiger Kaufkraft: Es gab mehr Geld als rationierten Gegenwert in den Geschäften der DDR.

Berlin, die Stadt mit raschen Reaktionen ihrer Bewohner, war an jenem Sonntag in unsonntägliche Betriebsamkeit geraten. Ich mittenmang. Es galt ja nun, flink herauszubekommen, wer in Ost-Berlin keine nennenswerte Barschaft bei sich hatte. Dorthin musste verteilt werden, was in West-Berlin lag. Das war äußerst gefährlich, da die Vopo an den Sektorengrenzen verstärkt Posten bezogen hatte und scharfe Personenkontrollen machte. Man musste Lücken finden oder überzeugend harmlos aussehen. Ich versah mich nach Rücksprache mit Freunden und Verwandten mit ungefähr 3000 Ostmark, um sie nach beschriebenem Muster im Ostsektor zu verteilen. Übrigens bediente sich Ost-Berlin ein Jahr nach diesem Geldschein-Coup geschickt einer West-Berliner Boulevardzeitung, um ein Gerücht zu streuen, es stehe abermals ein Geldschein-Umdruck bevor. Die DDR hatte die Lebensmittelrationierung nun abgeschafft, höhere Löhne angekündigt, doch immer noch nicht genügend Geld auf den staatlichen Konten, auch nicht genügend Waren in den Läden für einen Ansturm nach Aufhebung der Rationierung. Und der Geldfluss folgte dem Ost-West-Gefälle. Es geschah in Berlin, und bald geschah noch Schlimmeres.

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