Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Der Hauswurz als Beispiel für die verdorbene Teilung einer Freude

Ob sie mir in diesen beunruhigenden Wochen mit ihrem Hauswurz kommen dürfe, fragte mich dieser Tage eine Leserin aus Kladow. Liebend gern, rief ich ihr ins Telefon entgegen; denn wo kämen wir hin, wenn bei aller begründeten, aber auch angeheizten Beunruhigung dasjenige, was einem Einzelnen an alltäglicher Unbill widerfährt, also das Immergültige, keine Rolle spielen dürfte. Dies läppisch zu nennen, hieße alles allzu Menschliche fahren lassen. Wo alle Welt von Sicherheit im Großen spricht, darf auch der Einzelne nach der Sicherheit im Kleinen fragen - nach dem Hauswurz.

Schon der Name Hauswurz übt auf mich eine heitere Anziehung aus. Er wird, wie ich mir aus Lexika abgeschrieben habe, auch Dachwurz, Donnerwurz genannt und der Gattung sempervivum (saftig immerfrisch) zugeordnet. Der Haus-, Dach- oder Donnerwurz ist mit der Fetthenne (oder dem Mauerpfeffer) verwandt.

Um in diesen Wurz-Fragen nicht allzu schief zu liegen, rief ich im Botanischen Garten an, wo mir zu Gattung und Familie meines Hauswurzes dies und das in schöner Geduld und auch meinerseits geduldig hingenommener Ausführlichkeit erklärt wurde. Gerafft, gesagt: Der Haus-, Dach- oder Donnerwurz ist eine genügsame, leicht zu pflegende Pflanze mit rosettenförmig angeordneten fleischigen Blättern mit hauchzartem Randgespinst, die grüngelb gesprenkelte, rote, auch weiße Blüten treibt. Genug, zurück zum Anlass.

Ich hatte also die Bedenken der Kladowerin hinsichtlich des schicklichen Ernstes unserer Tage zerstreut und sie ermuntert, mir erst recht zu sagen, was es mit ihrem Hauswurz auf sich hatte. Sie sprach von ihm als dem Hausgeist der Familie. Er wurde gestohlen. Der jetzt 21-jährige Sohn Philip ist mit dem Hauswurz gewissermaßen aufgewachsen, wobei sich der Wurz im Gegensatz zu Philip schon verdreifacht hat, weil er ja auch schon 24 Jahre alt geworden war. Er blühte getreulich rot. Zunächst im fränkischen Urlaubsanwesen der Familie, dann auf Säulen der Grundstücksumgrenzung in Kladow, der Lerchenstraße. Es waren drei Hauswurze aus einem Mutterhauswurz, also Wurz-Geschwister. Alle wurden gestohlen. Bei Nacht und Nebel. Mit erkennbarem Vorsatz; denn die Diebe hatten die Pflanzen säuberlich von ihrem Halt getrennt. Dabei wäre es doch naheliegend gewesen, zu klingeln und zu fragen, ob man einen Ableger bekommen könnte. Nein, bei Nacht und Nebel wurde der geliebte Hausgeist geklaut. Es muss nun durchaus angenommen werden, dass die drei Wurz-Geschwister andernorts, wohin sie entführt wurden, wurzeln und blühen und Freude bereiten. Diese Freude aber, so sie sich tatsächlich einstellen sollte, geht auf fremde Kosten. Schafft sich hier jemand eine Freude zum Schaden eines anderen? Es gibt ja Pflanzen, die nur auf bestimmte Stimmen reagieren, auf jene, die mit ihnen zu sprechen verstehen.

Die Leserin hat mir das nicht etwa erzählt, um einen Aufruf in die Zeitung zu lancieren: Gebt uns unseren Hausgeist zurück! Sie wollte nur den kleinen Kummer ihrer Familie einem erzählen, dem vielleicht an den kleinen Dingen des Daseins liegt, die alle großen Ereignisse überdauern werden, weil sie an unseren Lebenswegen liegen, uns täglich blühen können - im Guten wie im Unguten.

Und da will mir scheinen, dass ein Haus-, Dach- oder Donnerwurz hierfür ein gutes Sinnbild abgibt: Er blüht zur Freude. Aber diese Freude wurde jemandem missgönnt. Dabei wäre diese Freude ohne Umstände teilbar gewesen und hätte womöglich zu der nächsten Freude einer Freundschaft geführt. Die drei Hauswurze aus Kladow sind dreifache Freude aus einer. Und nun sind sie bei denen, die eine schöne Gelegenheit verspielt haben, die sie sich offenbar nicht vorstellen konnten.

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