• Abbruch des Berlin-Festivals: Und plötzlich dachten alle: Duisburg - vor fünf Jahren

Abbruch des Berlin-Festivals : Und plötzlich dachten alle: Duisburg - vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren wurde das Berlin Festival vorzeitig beendet, nachdem es zu einem chaotischen Besucherandrang gekommen war. Was Anne-Sophie Lang, Hannes Heine und Sebastian Leber darüber schrieben.

von , und Anne-Sophie Lang
Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist Veranstaltungsort der Berlin Music Week.
Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist Veranstaltungsort der Berlin Music Week.Foto: Promo

Eigentlich wollten sie bis morgens um sechs feiern – doch um 2.30 Uhr war plötzlich Schluss. Wer der Mann war, der von einer der fünf Bühnen den vorzeitigen Abbruch des Festes im Ex-Flughafen Tempelhof verkündete, wussten die Besucher nicht. Wütend waren sie dennoch. „Es flogen Bierflaschen und Becher“, sagt Besucher Karsten Härtel. Der 21-Jährige war einer der tausenden Gäste im Hangar 4. Gepfiffen wurde auch. Und als Härtel dann mit Freunden das Gelände verließ, begleitete ihn Polizei nach draußen.

Für Veranstalter, Sicherheitsdienst und Polizei stellten sich die frühen Morgenstunden am Sonnabend dramatisch dar: Im Laufe der Nacht hatten sich tausende Besucher zur Bühne des Hangars 4 gedrängt und dessen Eingänge schließlich verstopft. Sie wollten ab 3.30 Uhr den britischen Musiker Fatboy Slim sehen. Der Abbruch der Veranstaltung sei im Sinne größtmöglicher Sicherheit getroffen worden, hieß es bei den Veranstaltern. Man habe Panik gefürchtet. Carsten Stricker, der Sprecher des Festivals, sagte: „Es waren eigentlich keine Massen am Hangar, höchstens 300 Leute.“ Nach der Katastrophe in Duisburg hätten jedoch viele ein anderes Sicherheitsempfinden, vielleicht sei die Entscheidung abzubrechen übervorsichtig gewesen. „Doch wenn sich nur ein Gast das Knie aufgeschlagen hätte, wären wir in Teufels Küche gekommen“. Direkt an die Hangars grenzt das frühere Rollfeld mit einer fast vier Quadratkilometer großen Rasenfläche. Sie war durch Bauzäune abgegrenzt, die aber leicht umgeworfen werden konnten. „Aber in Panik handeln Menschen nicht rational, sondern rennen womöglich alle zu einer bestimmten Treppe oder Tür“, sagte ein mit Konzertbetreuer und erfahrener Sicherheitsmann. „Und das eben leider auch, wenn nebenan eine riesige Freifläche ist.“

Die Veranstalter hatten offenbar schon vorher mit Gedränge gerechnet. Bereits am Donnerstag hatten sie auf ihrer Homepage angekündigt, dass es „bei Überfüllung einzelner Bereiche zu kurzzeitigen Einlass-Stopps“ kommen könne und Anweisungen des Personals respektiert werden sollten. Ob etwa Hangar 4 zu sperren sei, wurde bei jedem Auftritt erneut geprüft. Der eingesetzte Sicherheitsmann sagte: „Die Polizei ist nach den Ereignissen in Duisburg sehr sensibel. Allerdings muss man sagen, dass vor Ort mehr Security angebracht gewesen wäre.“ 100 Sicherheitsleute sei bei rund 10 000 Besuchern „knapp berechnet“.

Offenbar war den Veranstaltern ein Planungsfehler unterlaufen. Das Programm auf der Hauptbühne endete vor Mitternacht mit dem Auftritt der britischen Rockband Editors – aus Lärmschutzgründen durfte die Freiluftbühne nicht weiter bespielt werden. Die Folge: Tausende Besucher drängten in wenigen Minuten zur den nächstgrößeren Bühnen, die sich in den alten Hangars des Ex-Flughafens befinden und somit nicht von Lärmschutzauflagen betroffen waren. Vor den Eingängen dieser Hallen waren Schleusen eingerichtet, also kleine Durchgänge zwischen aufgestellten Metallzäunen. Das Sicherheitspersonal ließ nur so viele Besucher ein, wie drinnen ohne große Enge feiern konnten. Vor allem vor der Schleuse am Hangar 4, östlich der Hauptbühne, bildete sich ein Pulk, hier sollte mit Fatboy Slim als Höhepunkt der Nacht auftreten.

Vor dem Haupteingang des Flughafengebäudes hatten sich kurz vor Abbruch des Festes rund 1000 Menschen gesammelt, denen der Eintritt aufs Gelände von den Ordnern untersagt wurde. Laut Polizei sei die Stimmung unter den Wartenden „mit der Zeit und auch mit steigendem Alkoholpegel“ gekippt. Die vergeblich Anstehenden seien aggressiver geworden, Ausschreitungen habe es aber nicht gegeben. Nach Bekanntwerden des Konzertabbruchs hatten enttäuschte Fans vereinzelt an Zäunen gerüttelt. Die Veranstaltung abzubrechen, wurde dennoch von Sicherheitsleuten und Festivalleitern gelobt. Kenner sagten allerdings, man hätte die Auftritte der Publikumsmagneten besser verteilen – und zu keinem Zeitpunkt in einem Hangar konzentrieren sollen.

Um Probleme in der Nacht zu Sonntag zu vermeiden, haben die Verantwortlichen das Programm kurzfristig verkürzt, einzelne Auftritte wurden im Zeitplan nach vorne verlegt, andere ganz abgesagt. Statt wie ursprünglich geplant bis Sonntagfrüh um sechs Uhr sollte das Programm nun auf allen Bühnen zeitgleich bereits um 23 Uhr enden, um anschließend nicht ein erneutes Gedränge vor den Eingängen der verbliebenen Bühnen zu riskieren. Die Veranstalter haben massenhaft SMS verschickt, und forderten Besucher auf, andere Gäste zu informieren. Besucher beschwerten sich darüber, dass sie für die Tickets 70 Euro gezahlt hatten – und nun weniger geboten bekämen. Olaf Kretschmar, Chef der derzeit stattfindenden Music Week, sagte, er könne die Wut der Gäste verstehen. „Dennoch: besser wütende Gäste, als verletzte.“

Die Festivalleitung erklärte: Mit Künstlern, die nicht auftreten könnten, führe man Gespräche über Zusatzkonzerte. „Behaltet bitte eure Tickets und eure Festivalbändchen – nehmt unser Angebot wahr. Wir halten euch auf dem Laufenden.“

Der Ex-Flughafen Tempelhof wird seit seiner Schließung im Oktober 2008 für Messen und Konzerte genutzt. Mit dem größten Gebäude Europas hat sich Berlin neben Hamburg, Hannover und Düsseldorf für die Austragung des Eurovision Song Contest 2011 beworben.

Vielleicht wären die Pfiffe und Buhrufe verebbt, wenn die Besucher im Hangar 4 gesehen hätten, was sich draußen vor dem Eingang abspielte. „Ich kann nach der Loveparade alle Bedenken verstehen“, sagt Karsten Härtel. Er war mit Freunden extra aus Leipzig angereist, und dann wurde er wütend, weil es vor der Bühne eben bloß wie eine normale Party aussah. Auch manche Künstler wurden zunächst nicht über den Grund des vorzeitigen Endes informiert, der DJ einer Nebenbühne musste während eines Songs abbrechen, erfuhr aber erst später per E-Mail, weshalb.

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Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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