Berlin : Abitur-Reform könnte zum Koalitionskrach führen

Bei PDS-Bildungspolitikern wächst der Widerstand gegen vorgezogene Reifeprüfung

Susanne Vieth-Entus

Heute muss die PDS Farbe bekennen: Falls sie die Abiturreform von Bildungssenator Klaus Böger (SPD) stoppen will, hätte sie dazu im Schulausschuss Gelegenheit. Denn zur Abstimmung steht ein Antrag der Grünen zur Ablehnung des Projektes. Noch ist unklar, wie sich die PDS-Bildungspolitiker verhalten werden, nachdem der Senat den Gesetzentwurf am Dienstag abgenickt hat.

Tatsache ist, dass mit der Reform der gymnasialen Oberstufe und der Vorverlegung des Abiturs auf März noch jede Menge Bedenken verbunden sind. Eine Elterninitiative warnt vehement davor, das Projekt durchzuziehen. Sie kritisiert insbesondere die zusätzlichen Unterrichtsstunden, die auf die Schüler zukommen. Auch etliche Lehrer sehen die Reform skeptisch, weil die elfte Klasse als Orientierungsphase verloren geht. Schwache Schüler könnten damit Schwierigkeiten haben, warnte jüngst ein Pädagoge bei einer Diskussion in der Friedensburg-Oberschule. Zudem beunruhigt es viele Kollegien, dass sich die Korrekturphase für die Abiturklausuren von 14 auf acht Wochen verringert. Die PDS nimmt diese Bedenken sehr ernst.

Nicht alle sehen die Reform allerdings so skeptisch. Harald Mier vom Verband der Oberstudiendirektoren etwa weist darauf hin, dass auch in anderen Bundesländern kürzere Korrekturzeiten üblich seien. Letztlich sei dies eine „Frage der Gewohnheit“. Zudem freuen sich viele Eltern, dass der monatelange „Leerlauf“ zwischen schriftlichem und mündlichem Abitur verkürzt wird.

Auffallend ist, wie wenig sich die Bildungspolitiker von PDS und SPD bisher mit den Erfahrungen in Rheinland-Pfalz befasst haben, wo bereits der zweite Jahrgang das vorgezogene Abitur abgelegt hat. Weder Felicitas Tesch (SPD) noch Sieglinde Schaub (PDS) konnten auf Anfrage etwa sagen, ob sich die dortigen Hochschulen darauf eingestellt haben, dass die Abiturienten schon ab April studieren können. Tatsächlich hat sich hier eine Menge getan: Die Hochschulen akzeptieren bei der Anmeldung die Zeugnisse der 12. Klasse und vergeben die Plätze in internen NC-Fächern, sobald die Abiturergebnisse feststehen. Über 80 Prozent der Studiengänge können im Sommersemester begonnen werden, was im Übrigen auch für die FU gilt. Umfragen in Rheinland-Pfalz haben ergeben, dass bereits 2002 tausende Abiturienten früher mit Studium oder Bundeswehr/Zivildienst begonnen haben: ein echter Zeitgewinn . Probleme bereitet allerdings die Studienplatzvergabe durch die Zentrale Vergabestelle (ZVS) in Dortmund, die sich weiterhin nur nach dem späteren Abiturtermin richtet. Allerdings wird die Bedeutung der ZVS bald sinken, wenn die Hochschulen ihre Studenten zunehmend selbst aussuchen können.

Die Abgeordneten haben nicht mehr viel Zeit, ihr Informationsdefizit auszugleichen: Damit die Reform wie geplant im Schuljahr 2004/05 starten kann, müsste noch vor der Sommerpause 2003 das Vorschaltgesetz her.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben