Abschied nach Jahrzehnten : Nun doch: Puhdys gehen in Rockerrente

Jetzt soll es wirklich vorbei sein: Die Puhdys lösen sich auf – nach 46 Jahren. Bis zum Abschlusskonzert Silvester 2015 kann aber noch einiges passieren.

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Quartett ohne Maschine. Die Puhdys im Oktober 2013 bei der Vorstellung ihres letzten Albums. Dieter Birr hatte sich krankgemeldet.
Quartett ohne Maschine. Die Puhdys im Oktober 2013 bei der Vorstellung ihres letzten Albums. Dieter Birr hatte sich krankgemeldet.Foto: dpa

Es hat in der Geschichte der Popmusik schon unzählige Abschiedstourneen und unwiderruflich letzte Konzerte gegeben, die dann doch keine waren. Insofern ist es nicht unbedingt zwingend, ausgerechnet den Puhdys zu glauben, dass sie, wie nun angekündigt, am Silvesterabend 2015 in der Berliner O2 World ihre gemeinsame Karriere beenden. Doch da die gereiften Ost-Rocker seit einer ersten Trennung 1989–1992 alle einschlägigen Gerüchte heftig dementiert hatten, müssen die Fans ein Ableben ihrer Lieblingsband nach gut 45 Jahren wohl doch in Erwägung ziehen – immer noch besser als das, was Dieter „Maschine“ Birr zur Begründung sagt: „Wir wollen ja nicht eines Tages von der Bühne fallen“.

Ein Bericht über diese Ankündigung kann nicht ohne das Stichwort „Rockerrente“ auskommen, weil die Band selbst in einem ihrer Hits angekündigt hat, bis zu eben jener zu spielen. Birr, der Gitarrist und Frontmann, und Dieter „Quaster“ Hertrampf sind 69, Keyboarder Peter Meyer ist 74, und selbst Trommler Klaus Scharfschwerdt hat schon die 60 erreicht – durchschnittlich ergibt das allemal 67 und wäre Grund genug, es ruhiger angehen zu lassen; Mick Jagger ist ohnehin nicht einzuholen. Man wird annehmen dürfen, dass diese Rente nach 4000 Auftritten und 22 Millionen verkauften Tonträgern nicht allzu knapp ausfällt.

Ein Ziel kann die Band ohnehin nicht mehr erreichen: zur gesamtdeutschen Band zu werden. Die Puhdys sind ein Ost-Phänomen geblieben, eine Gruppe, von der sie im Westen nicht mal den Namen richtig schreiben können – es handelt sich um die Anfangsbuchstaben der Namen der Gründungsmitglieder. Ihre rein musikalischen Ambitionen wirkten bescheiden, es genügte ihnen, das aufmüpfige Lebensgefühl ihrer besten DDR-Jahre am Leben zu halten, gitarrenbetont vor sich hin zu rocken und damit bodenständige Botschaften zu transportieren. „Hey, wir woll’n die Eisbären sehen“, die rumpelnde Klubhymne, war ihr größter Erfolg nach der Wende.

Begonnen hat diese beispiellose Geschichte kurz bevor die Beatles aufgaben, 1969 im Freiberger „Tivoli“. Unter dem Druck der Zensur dichteten sie ihre verklausulierten Texte, immer am Rande des Erlaubten, aber nie so mutig, wie es Kritiker gern gesehen hätten. Immer ein bisschen gegängelt und kontrolliert vom Staat und der Stasi, aber doch auch bemerkenswert bevorzugt, unterwegs mit Volvo und Mercedes, schließlich ausgezeichnet mit dem DDR-Nationalpreis und mit der Lizenz zum Reisen in den Westen gesegnet; die Gattinnen mussten allerdings zu Hause bleiben.

Der Westen nahm erstmals Notiz von den Puhdys, als 1973 der Defa-Film „Die Legende von Paul und Paula“ über die Grenzen drang – den Hit „Geh zu ihr“, von Birrs näselnd berlinerischer Stimme markant hingequengelt, hatten sie eigens dafür angefertigt. „Alt wie ein Baum“ kam hinzu, dann die „Rockerrente“ und unzählige andere Nummern. Diese Songs trotzten allen Moden, vor allem den musikalischen, und waren vermutlich gerade deshalb so populär unter alten Fans wie sonst nur noch die Werke der Kollegen von „Karat“ und „City“. Auch die touren immer noch innerhalb der Grenzen der ehemaligen Republik und manchmal einen Schritt darüber hinaus. Das letzte Puhdys-Album, „Heilige Nächte“, erschien vor drei Monaten.

Im Oktober und November dieses Jahres gehen alle drei Bands gemeinsam auf Tournee – noch einmal abräumen und Erinnerungen pflegen für die Fans, die zum großen Teil die Rente vermutlich auch schon erreicht haben. Was nach der Trennung kommt, ist in Umrissen zu erkennen: Dieter Birr hat ein Solo-Album produziert, das im März erscheinen soll, Peter Meyer, der Älteste, scherzt von Auftritten mit Akkordeon im Seniorenheim, Scharfschwerdt und Bassist Peter Rasym suchen angeblich eine neue Band.

Möglicherweise schält sich aus der Dreier-Konfiguration Puhdys-City-Karat etwas Neues heraus? Die Komplettverrentung des DDR-Rocks ließe sich damit jedenfalls noch eine ganze Reihe von Jahren hinausschieben.

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