Adel berichtet (11) : Das Luftschloss

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann
Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als mein treuer Jungdackel Taxi letzte Woche auf der Baustelle vom neuen Großflughafen BER in Panik geriet und sich in die Gepäckförderanlage flüchtete, dachte ich erst, er hätte sich über den billigen Plastikkoffer erschreckt, mit dem ich ihn an den Sicherheitskontrollen vorbeischmuggeln wollte. Heute weiß ich: Taxi hatte keine Angst um sein Fell, sondern um die Zukunft unseres Landes. Die Augen eines Hundes sind unseren ja weit überlegen - mit einem einzigen Blick in das unfertige Terminal muss Taxi erkannt haben, dass der angepeilte Öffnungstermin nie zu halten sein wird.

Tagelang saß er danach mit hängenden Ohren auf der Marmorfensterbank, den traurigen Blick auf die Baulücke des Stadtschlosses gerichtet. Und recht hat er: Das ist nicht mehr unser Berlin! Wenn früher in dieser Stadt Großprojekte gebaut wurden, dann war die Frage nicht: "Werden wir rechtzeitig fertig?", sondern nur: "Wie viele Fahnen kriegen wir aufs Dach?" Otto Lilienthal hat sich hier jahrelang von Hügeln gestürzt und damit ein ganzes Zeitalter begründet. Klaus Wowereit stolpert genau so oft in Abgründe, neue Industriezweige sind daraus bisher aber nicht entstanden.

Fast eine Woche vergeht, dann ist Taxi wieder der Alte: Im RBB verfolgen wir am Donnerstag Wowereits Regierungserklärung, als Taxi aufspringt und wütend den Fernseher anbellt. Diesmal bin ich vorbereitet: "Sagt dieser Mann die Wahrheit?", frage ich ihn. Taxi tippt zweimal mit der Pfote auf den Boden. Nein! Sofort fahren wir zurück zur Baustelle. Diesmal bin ich als Ingenieur verkleidet, und siehe da: Entscheidungsträger und Sicherheitskräfte machen einen großen Bogen um mich. Zu groß die Angst, dass ich neue schlechte Nachrichten im Werkzeugkoffer habe. Taxi ist nassgeschwitzt, noch bevor ich ihn von der Leine lasse, in alle Richtungen nimmt er Witterung auf. Was wir schließlich finden, übertrifft unsere schlimmsten Erwartungen: Das Hauptgebäude? Steht nur zur Hälfte! Der Rest: Ein Spiegeltrick! Der Tower? Aus Pappmaschee! Die Landebahn? Aufgemalt!

Im Taxi zurück in die Stadt will ich gerade den Chef anrufen, um ihm die Story auf die Mailbox zu diktieren, als wir eine Flughafenwerbung mit Willy Brandt passieren. Vielleicht hätte man sich bei der Namensgebung an anderen Berlinern orientieren sollen, bei denen die Kluft zwischen Versprechung und Realität ähnlich groß war wie jetzt beim Flughafen. Erich Honecker zum Beispiel. Oder Michael Preetz.

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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