Adel berichtet (34) : Wurst Case

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wirklich enttäuschend, mit welchem Unverständnis einige Kollegen reagieren, nur weil ich mal eine Woche lang mit Sonnenbrille zur Redaktionssitzung erscheine. Dabei wollten mein Jungdackel Taxi und ich doch nur nicht hinnehmen, dass unser Redaktionsgebäude wieder nicht beim Festival of Lights mitmacht. Wir haben dann nachts – rein testweise – diese fiktive Titelseite mit meinem Foto drauf auf die Fassade projiziert. Na ja, und der Volontär hatte halt seinen gelb-schwarzen BVB-Wimpel genau so ins Fenster gehängt, dass es aussieht, als hätte ich Karies im Endstadium. Ich bin also schnell noch mal hoch und habe aus Versehen genau in die sechs Projektoren geguckt. Wenn ich seitdem die Augen schließe, sehe ich den Umriss von meinem Schneidezahn.

Egal, das Leben geht weiter, ich bin gerade an was Großem dran: Weil das Ordnungsamt Mitte schwere Hygienemängel bei den mobilen Wurstverkäufern angemahnt hat, will ich mich undercover ins Grillwalker-Milieu einschleusen. Aber wie das so ist: Kaum hat man den Grill aufgeschnallt, steht plötzlich die halbe Redaktion im Türrahmen und will meine Wildschwein-Krakauer rezensieren. Taxi kann gar nicht so schnell die Brötchen aufbeißen, wie mir die Würstchen aus der Hand gerissen werden. Nach einer Stunde werde ich trotzdem kurz sauer, weil ich denke, dass wir aus Versehen den ganzen Vorrat verkauft hätten. Doch Glück gehabt: Eine Wurst war zwischen Gasflasche und Geldkassette gerollt – geht der Chef also doch nicht leer aus!

Dass der Aufzug zur Chefetage zwar für acht Personen konstruiert ist, aber nicht mal für einen Grillwalker, merke ich erst, als mir die Aufzugtür den glühenden Rost entgegendrückt. In letzter Sekunde werfe ich die Wurst in die Lichtschranke – Taxi kann sie gerade noch auffangen, bevor sie den Boden berührt. Dann nehmen wir lieber die Treppe.

Weil der Chef gerade telefoniert, vertreiben wir uns die Wartezeit mit einer Partie Schach auf dem Spielbrett, das ich mit Edding auf den Grill gemalt habe. Leider hat Taxi schon nach drei Minuten gewonnen, weil meine Dame Feuer fängt. Ich versuche noch, die Wurst neben meinen Springer zu ziehen, um die Flanke zu schließen, aber da hat Taxi schon meinen Bauern gefressen: Schach matt.

Der Chef muss dann leider direkt weiter, ein Termin in Mitte, aber – wir könnten ja mitkommen! Bei ihm auf dem Fahrrad sei natürlich kein Platz, aber ... Ich winke ab. „Kein Problem“, sage ich. „Taxi, hol mein Skateboard!“

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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