Berlin : AEG-Fotoarchiv: 33 Sattelschlepper Industriegeschichte

Imke Sturm

Pferde in der Lagerhalle, große Maschinenteile, die von vier Männern per Handkarren vorwärts geschoben werden, unzählige Schreibtischreihen mit technischen Zeichnern in riesigen Werkhallen - Bilder einer vergangenen Industrieepoche. Die gestern Abend eröffnete Ausstellung "Die AEG im Bild" zeigt solche Dokumente. Als derzeit noch geringster Teil dieses wohl einmaligen Industrie-Archivs von 1898 bis 1945 zeigt sie überwiegend Industriefotos, aber auch andere Exponate aus der großindustriellen Blüte des einstigen Weltkonzerns. So sieht man auch eines der ersten Autos, die in Berlin gebaut wurden.

Dabei ist die Gesamtheit des Archivs bislang noch gar nicht gesichtet. Insgesamt soll es über eine Million Fotos geben, die auf Glasplattennegativen hinterlegt sind. "Es gibt insgesamt 120 Fotoschränke mit 12 000 Mappen. Daneben existieren 5000 Bücher, vier Kilometer Akten und ein von der AEG selbst angelegtes Museum mit 2500 Exponaten wie Küchengeräten, Turbinen, Lampen", sagt Jörg Schmalfuß, Leiter des Historischen Archives im Deutschen Technikmuseum. Die Sammlung war 1996 auf 33 Sattelschleppern aus Frankfurt wieder nach Berlin gekommen, wo die AEG einst gegründet worden war. Seit der Verlegung des Archivs an die Spree lagern die wertvollen Güter im Berliner Postpaketbahnhof direkt hinter dem Technikmuseum und warten darauf entdeckt, ausgepackt und gelistet zu werden. Alleine fünf Leute sind nur damit beschäftigt, die teilweise noch original verpackten Dinge herauszulösen, um festzustellen, was sich überhaupt in der Sammlung noch versteckt. Die Ausstellung, die seit heute bis zunächst 1. Juli 2001 läuft, soll Start einer Reihe von Schauen sein, um die schlummernden Pretiosen nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Sollte der Ausbau des Technikmuseums bis dahin vollendet sein, will man ein kleines AEG-Museum integrieren. "In dem neuen Gebäude haben wir die Möglichkeit, eigene Räume nur für die AEG zu belegen", sagt Jörg Schmalfuß. Einzelne Ausstellungsteile könnten aber durchaus auch auf Wanderschaft gehen. "Wir haben bereits Anfragen von anderen Museen, die an der Sammlung interessiert sind", sagt Lieselotte Kugler, Leiterin des Museums.

Die jetzige Ausstellung zeigt einen Querschnitt des Arbeitslebens und der Entwicklung zwischen 1898 und 1929. "Der historisch-soziale Kontext ist einmalig. Es verdeutlicht einem auch, wie viele Arbeitsplätze heute weggefallen sind", sagt die Kunsthistorikerin Kugler. Tatsächlich: Die vielen Arbeiter, Chauffeure, Pförtner, Monteure könnte sich heute kaum eine Firma mehr leisten. Die Ausstellung zeigt aber auch das Leben rund um die Arbeit, das ebenfalls der Konzern organisierte. So gab es bereits 1913 Betriebssportgruppen für Rudern oder andere "Leibesübungen".

Die Fotos dokumentieren auch die Betriebsversorgung von Mitarbeitern mit Lebensmitteln während des Krieges. Arbeiterinnen, die so genannte "Liebesgaben" mit Naturalien für Männer an der Front verpackten, sind zu sehen.

Interessant ist ebenso die Dokumentation des gesellschaftlichen Lebens der damaligen Verwaltungsangestellten: 1915 beispielsweise besuchte eine türkische Abordnung die deutschen Industriellen. Gefeiert und gespeist wurde im edlen Firmen-Dachgarten, der vom Architekten und Designer Peter Behrens entworfen wurde. Bereits 1913 war eine argentinische Gesellschaft empfangen worden. Argentinien war damals ein wichtiger Importeur deutscher Produkte. Solche Treffen sollten die Handelsbeziehungen vertiefen. Sogar der Besuch des Präsidenten der afrikanischen Republik Liberia, Charles D.B. King, wurde 1927 festgehalten - ein solcher Besuch war damals eher ungewöhnlich.

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