Berlin : Ärztestreik: Praxen bleiben eine Woche geschlossen

Holger Stark

Ab heute machen die Ärzte ernst. Zwischen 3000 und 4000 Fach- und Hausärzte schließen von diesem Montag an für eine Woche ihre Praxen - aus Protest gegen das Gesundheitssystem. Den Anfang machten vor kurzem die Röntgenologen. Zwei Wochen lang verweigerten sie die Durchleuchtung ihrer Patienten. Ab heute werden die meisten anderen Fachärzte folgen - mit Ausnahme der Allgemeinmediziner, die ihre Sprechstunden nur leicht verkürzen wollen. "Wir werden heute erst um 9 Uhr statt um 8.30 Uhr öffnen", sagt eine Allgemeinärztin. "Und dann werden wir erstmal allen Patienten erzählen, warum wir das machen."

Kinderärzte streiken nicht

Auch die Psychotherapeuten und die Kinderärzte werden nicht mitstreiken, weil sie es bei ihrer Klientel für wichtig halten, jederzeit Hilfe anzubieten. Von einer Schließung sämtlicher Praxen sehen die Ärzte "wegen des hohen Anteils an alten und kranken Patienten" in Berlin ab, wie Friedrich Kruse von der Facharztvereinigung sagt.

Aus Protest gegen die "existenzbedrohende Honorarsituation" wollen auch in Brandenburg Mediziner protestieren. Zunächst wollen heute zahlreiche Augenärzte ihre Praxen geschlossen lassen.

Die Gründe für die Gesundheitsmisere sind vielfältig. Da ist zum einen das Arzneimittelbudget, das es den Ärzten nur erlaubt, bis zu einer bestimmten Summe pro Patient Arzneien zu verschreiben. Ein Hautarzt darf einem Kassenpatienten pro Quartal beispielsweise nur für 39 Mark verschreiben. Sind die Arzneien teurer, müssen die Ärzte damit rechnen, dass ihnen selbst Teile der Mehrkosten berechnet werden. In Berlin soll das Gesamtbudget für Verschreibungen am 7. November ausgeschöpft sein. Das führt dazu, dass vor allem Allergiker und Diabetiker ungern gesehene Patienten sind, weil deren Medikamente teuer sind, und dass manche Praxen bestimmte Patienten gar nicht mehr annehmen.

Dazu kommt die Neuordnung der Krankenkassen in Private, Betriebs- und Ersatzkrankenkassen mit unterschiedlichen Beiträgen, die ebenfalls den Druck erhöhen. Und auch die Zahl der Ärzte ist in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegen. Schließlich "gilt die spezielle Berliner Situation", sagt Anton Rouwen vom Aktionsrat Berliner Kassenärzte. "Hier kulminiert vieles, etwa die sozialen Brennpunkte, an denen die Leute einfach öfter krank sind." Die Initiatoren des Praxis-Ausstandes sehen deshalb "eine Mehrklassenmedizin" entstehen und befürchten den "Niedergang der modernen Medizin in Deutschland".

Bereitschaftsdienst für Notfälle

Unter den Ärzten wird der Ausstand deshalb einhellig begrüßt. "Ich könnte mir vorstellen, dass ein Patient, der mit einer leichten Grippe kommt, um sich krankschreiben zu lassen, damit heute Probleme bekommt", sagt Rouwen. "Ernste Auswirkungen wird es aber nicht geben." Der Ärztliche Bereitschaftsdienst setzt fünf zusätzliche Wagen ein, über die Rufnummer 310031 können Patienten erfragen, welche Ärzte für Notfälle bereit stehen.

Zudem läuft in den Krankenhäusern der Betrieb normal weiter. In der Charité hieß es gestern, das Klinikum erwarte ein "erhöhtes Aufkommen an ambulanten Patienten". Rouwen, der als Arzt für Innere Medizin in einer Praxis am Kreuzberger Mehringdamm arbeit, hat seine Patienten "einfach gebeten, die Termine um eine Woche zu verschieben". Einige seien leicht verärgert gewesen, die meisten hätten aber verständnisvoll reagiert.

Mit einem "Schweigemarsch und Trauermarsch" wollen die Mediziner dann am morgigen Dienstag ihr Anliegen auch auf die Straße tragen. Die ganze Woche über sind zudem Diskussionsveranstaltungen geplant. Heute lassen sich die Mediziner in der Charité symbolisch selbst zur Ader und spenden Blut.

Was der Streik bringen soll, ist auch für die Initiatoren offen. "Ich bin nicht vollkommen hoffnungslos", sagt Anton Rouwen. "Aber dass wir am Freitag mit einer Delegation zu Verhandlungen empfangen werden, erwarte ich auch nicht gerade."

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