Affären : Fußball, Filz und Festplatten

In den Strudel der Potsdamer Affäre um Krampnitz und die Stadtwerke gerät nun auch der Drittliga-Verein Babelsberg 03

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Potsdam - Die Filz-Affäre in Potsdam weitet sich dramatisch aus. Im Strudel droht nun der Drittligaklub Babelsberg 03 zu versinken. Am Dienstag bestätigte Präsident Rainer Speer, Brandenburgs Ex-Innenminister, dass dem Verein wegen der ungesicherten Finanzierung der Lizenzentzug für die nächste Saison und die Insolvenz droht. Speer machte dafür den Rückzug von Sponsoren nach den Negativschlagzeilen der letzten Monate verantwortlich. Und die wollen nicht enden. Nach dem Dumping-Verkauf der Krampnitz-Kaserne, der Gegenstand von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und eines Untersuchungsausschusses im Landtag ist, sind 03-Verantwortliche nun auch in die Stadtwerke-Affäre verwickelt.

Peter Paffhausen, der über Spitzelvorwürfe gestürzte Geschäftsführer der „Energie- und Wasser Potsdam“ (EWP) und der Stadtwerke, hat jetzt den Aufsichtsratsvorsitz beim Klub niedergelegt. Weil er ein anderes Potsdamer Stadtunternehmen über die Wirtschaftsdetektei eines früheren Stasi-Mitarbeiters ausforschen ließ, hatte Paffhausen zuvor den lukrativen Manager-Posten räumen müssen. Er kam einem Abberufungsbeschluss durch das Stadtparlament zuvor. Über die Höhe der Abfindung für Paffhausen, die der selbst unter Druck geratene EWP- und Stadtwerke-Aufsichtsratschef und Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) freigab, hüllen sich alle in Schweigen. Branchenkenner gehen von „mindestens einer Million Euro“ aus.

Und es werden immer neue Details über merkwürdige Interessenverquickungen von Politik und Sport publik. So hat Brandenburgs Landesrechnungshof nach Tagesspiegel-Informationen in einem bisher unveröffentlichten Bericht bei der mit acht Millionen Euro von Bund und Land aus dem Konjunkturpaket II finanzierten Sanierung des Karl-Liebknecht-Stadions Verstöße gegen das Vergaberecht festgestellt. Babelsberg 03 hat danach die zentrale Projektsteuerung für die Millioneninvestition ohne Ausschreibung an die EWP Potsdam gegeben, deren Geschäftsführer Peter Paffhausen gleichzeitig der eigene 03-Aufsichtsratschef war. Der Hof hat den Verdacht, dass die Auftragssumme (183 000 Euro) für den Zuschlag an die EWP über eine rechtswidrige Splittung nach unten gedrückt wurde, um eine Ausschreibung zu umgehen. Die Darstellung des Vereins, dass der Zeitdruck und die „fachliche Kompetenz“ des Energieversorgers diesen Weg geboten hätten, können die Kontrolleure nicht nachvollziehen. Im 03-Vorstand bis kürzlich für Bauen zuständig war Frank Marczinek, Geschäftsführer der Brandenburgischen Bodengesellschaft (BBG), die 2006 unter Speer privatisiert worden war und 2007 die 112 Hektar große Krampnitz-Kaserne für 4,1 Millionen Euro an eine dubiose Firmengruppe verkauft hatte.

Die Ereignisse in der Affäre überschlagen sich, immer mysteriöser werden die Begleitumstände. Ex-Innenminister Rainer Speer (SPD), damals schon wegen Krampnitz unter Druck, war im September 2010 nach Vorwürfen um nicht gezahlten Unterhalt zurückgetreten. Die „Bild“-Zeitung hatte aus E-Mails von Speers gestohlenem Laptop berichtet, der brisante Interna aus Vereinen und der SPD enthalten soll. Speer galt als enger Vertrauter von Regierungschef Matthias Platzeck (SPD), von 1998 bis 2002 Oberbürgermeister in Potsdam. Wie jetzt bekannt wurde, ist auch dem Potsdamer Unternehmensberater Thilo Steinbach, einem Vertrauten Speers und im 03-Vorstand für Marketing zuständig, im März 2011 der Laptop gestohlen worden. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob ein Zusammenhang besteht. Von Ermittlern hieß es, Steinbach habe erklärt, jemand sei in seine Villa am Potsdamer Jungfernsee eingestiegen, habe den Rechner mitgenommen, andere Wertgegenstände nicht beachtet. Auf dem Laptop seien keine wichtigen Daten. Auch SVB-Geschäftsführer Ralf Hechel kam der Laptop abhanden. Als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass Hechel in der DDR Inoffizieller Stasi-Mitarbeiter war, löste das bei Fans Proteste aus. In diesem Potsdamer Polit-Thriller scheint nichts unmöglich.

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