Berlin : Afghanisch-amerikanischer Kinderchor: Vorsicht Kamera

Tanja Buntrock

Es ist immer dasselbe vor Live-Shows. Alle wuseln durcheinander, hinter der Bühne quellen die Aschenbecher über, die Assistentinnen tragen schmucke Headsets und man fürchtet, dass sie jeden Moment zusammenbrechen, wenn man weiter Fragen an sie richtet. Wäre das plötzlich nicht mehr so, ginge die klischeehafte Atmosphäre verloren. Und dann hätten die 60 deutschen, amerikanischen und afghanischen Schüler, die am Donnerstagabend die ARD-Benefiz-Gala für die Flüchtlinge in Afghanistan und Pakistan im Estrel-Convention-Center eröffneten, nichts vom Fernsehen zu erzählen.

"Bitte nur Kinder, die stehend singen, ein T-Shirt mit Flagge anziehen!", weist eine Mikrofon-Stimme aus der Dunkelheit hinter der Bühne an. Dann, energischer: "Bitte nett lächeln und schunkeln, Kinders." In wenigen Stunden haben die Schüler ihren Auftritt. Gemeinsam, Hand in Hand, sollen sie den Michael-Jackson-Song "We are the world" singen. Unter ihnen auch Mitglieder des Canzonetta-Jugendchor, damit "das stimmlich auch gut rüberkommt", wie es beim Fernsehen heißt. Die Proben sind hart. Besonders, wenn vor der Bühne der Chorleiter steht und mit den Fingern seine eigenen Mundwinkel in die Höhe drückt, um ihnen zu bedeuten, dass sie lächeln sollen.

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Umfrage: Bodentruppen nach Afghanistan? Stolz beobachtet Peter Klepper, 50 Jahre, Deutsch- und Geschichtslehrer an der Askanischen Oberschule in Tempelhof, wie seine Schüler sich im gemischten Chor so machen. Mitarbeiter vom Roten Kreuz hatten darum gebeten, dass auch seine Schüler bei der Show dabei sind. Nach dem 11. September waren sie nämlich besonders engagiert und fingen sofort an, Spenden zu sammeln. Bislang sind 1600 Mark zusammengekommen. Klepper findet diese Summe allerdings "beschämend". Bei 800 Schülern und 60 Lehrern, "die wenigstens 5 Mark spenden", rechnet er vor, "müssten mindestens 4000 Mark zusammenkommen". Doch einige seiner "Alt-68er-Kollegen wollten nicht für Amerika spenden", sagt er enttäuscht, "aber für die afghanischen Flüchtlinge haben sie dann auch nichts gegeben". Für die Benefiz-Gala wählte er rasch 15 Schüler aus und lud sie nach Hause in sein Wohnzimmer ein, "um meine alte Live-Aid-Schallplatte von 1985 zu hören, wo der Original-Song drauf ist". Einige der Jungen und Mädchen überspielten sich das Lied auf eine Kassette, um dann zwei Tage lang unentwegt den Text zu proben. So wie die 14-jährige Virginia. Immer wieder habe sie die Kassette zurückgespult, um vor dem Spiegel zu singen. Schließlich soll ja auch alles synchron aussehen beim Live-Auftritt vor der Kamera. "Wir wollen mit dem gemeinsamen Lied ein Zeichen setzen", sind sich die Schüler einig. Die nächste Probe wartet. Eine Chance, einander näher kennen zu lernen haben die bunt gemischten Schüler deshalb kaum. Gespräche über die Ereignisse an sich entspinnen sich aber in den Pausen zwischen den Proben. Die beiden Elftklässler der John.-F.-Kennedy-Schule, Ian Heptinstall und Donald Griffith "finden es gut", wenn sie als Amerikaner zeigen können, dass sie nichts gegen das afghanische Volk haben. "Dass die Amerikaner gegen die Taliban bomben, finde ich aber richtig", sagt Ian, "es muss etwas gegen den Terrorismus getan werden. Reden hilft bei denen wenig." Sein Freund Donald weiß nicht so recht, was er richtig finden soll. "Einerseits kann man diese Fanatiker nicht damit durchkommen lassen, andererseits habe ich Angst vor einem Weltkrieg", gesteht er.

Derweil sitzen Nora, Arian und Carina auf den noch leeren Plätzen vor der Bühne und erholen sich. Noras Vater ist Afghane, ihre Mutter Finnin. Die 12-jährige findet nicht, dass ein Gegenschlag die richtige Lösung ist. "Was wollen die denn noch bombardieren? Es ist doch alles schon kaputt." Arian und Carina, 13 und 9 Jahre alt: "Wir haben noch Verwandte in Afghanistan, wissen aber nicht, wie es denen geht", sagt Arian. Wütend auf die Amerikaner sei er aber nicht: "Irgendwie müssen die ja was machen."

Dann, um kurz nach 21 Uhr ist es soweit: 60 zarte Stimmen singen "We are the world", fassen sich bei den Händen und schunkeln. So, wie es die Stimme aus dem Off gewünscht hat.

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