Berlin : After Work Clubbing - Tanzflächen im Feierabendverkehr

Anna Brockdorff,Meike Respondek

Nach der Arbeit sollst du ruhn oder tausend Schritte tun: tausend Tanszschritte, mindestens. Wenn die Krawatte gelockert ist, unter dem Business-Kostüm neckisch das Top blitzt und die Aktentaschen in der Garderobe verstaut sind, kann der neue Berliner Feierabend beginnen: "After Work Clubbing" nennt sich die neue Ausgeh-Kultur findiger Berliner Clubbesitzer. Getanzt wird nach der Arbeit, schon um 19 Uhr, Ende schon um Mitternacht. Vorbei die Zeiten, wo nach einer durchtanzten Nacht am nächsten Büromorgen der schwere Kopf auf den Schreibtisch sinkt.

Das "Oxymoron" in den Hackeschen Höfen macht den Feierabend zum Feierabend. So um halb acht Uhr trudeln die ersten Kollegengrüppchen ein. Betriebsausflug in die Disco. Die Sekretärinnen Ruth und Sylvie und Botschaftsangestellte Stephanie genießen erst einmal ein Sol, bevor sie sich auf die Tanzfläche wagen. Die Idee, entgegen der Unsitte der letzten Jahren jetzt früher fortzugehen, finden alle super. Auch Maren und Sibylle, beide Telekommunikationsassistentinnen, und Britta, Reisebüroinhaberin, kommen direkt vom Computer in den Club. "Wenn ich zu Hause bleibe, komme ich auch nicht vor 24 Uhr ins Bett", sagt Sybille und fügt hinzu, dass man auch am Wochenende früher anfangen sollte, dann hätte man mehr von seiner Zeit.

Geschäftsführer Thorsten Schlierstedt hat den Pistenausflug nach Betriebsschluss aus New York kopiert. "Bei uns wird selbst der Ladenschluss aufgehoben. Es gibt kaum noch Regeln, alles ist heutzutage möglich. Da bin ich wieder für feste Zeitstrukturen in der Szene."

Noch ist die Tanzfläche leer, erst wenige der samtenen Sessel und Sofas sind besetzt. Knapp eine Stunde und viel Kollegentratsch später: Langsam wagen sich unter der Deckung des gedämpften Lichts die ersten Büromäuse und Papiertiger auf die Tanzfläche. Flyer für den "Sunset-Club" und Postwurfsendungen, die gezielt auch bei benachbarten Büros und Firmen landeten, sollten die Berliner Angestellten ermutigen, den grauen Alltagstrott aufzumuntern.

So ist Immobilienberater Stephen, der "gleich um die Ecke wohnt", beispielsweise direkt nach der Arbeit ins Oxymoron gekommen. Den Club hat er schon vorher ein paar Mal besucht - "aber eben nur samstags", erzählt er. Zum After Work Clubbing sagt er: "Ich finde das gut, denn nach der Arbeit belebt die Musik auch wieder."

Die Nach-Büroschluss-Belebung ist jetzt überall zu spüren. Die Tanzfläche platzt vor ausgelassenen Angestellten. Kontaktfreudige Blicke schwirren umher. DJ Divinity hat Abwechslung in die sonst glotzentrübe Abendgestaltung gebracht. Normalerweise fängt seine "Arbeitsnacht" um diese Uhrzeit erst an. Eines ist er aber nicht gewohnt: "Heute habe ich zum ersten Mal im Stau gestanden - Berufsverkehr!" Das "After Work Clubbing" ist dem 28-Jährigen schon von Hamburger Freunden bekannt. Aber er selbst hat zu so früher Stunde noch nie aufgelegt. Er hofft, dass möglichst viele Discos das neue Konzept nachahmen und es damit zur Institution machen.

Empfangsdame Jacqueline nennt den Grund für den neuen Party-Trend: "Nach der exzessiven Partykultur in den letzten Jahren ist jetzt das Bedürfnis nach einer Spießer-Uhrzeit wieder da." Bei den Gästen tippt sie auf eine bunte Mischung aus Szeneleuten mit Verschleißerscheinungen und Frischblutzufuhr aus allen Arbeitsbereichen. Egal, woher die Leute kommen - Tanzfläche und Bar sind inzwischen überfüllt mit Menschen, die Bierflaschen und Cocktailgläser türmen sich auf den Tischen. Es sieht aus wie nach einer Riesenparty. Eine Party, die so schön als "gelungen" bezeichnet wird.

Und um kurz vor Mitternacht geht es nach Hause. Mit der Bahn statt dem Taxi natürlich - denn die fahren ja um diese Uhrzeit noch.

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