Berlin : Akte unterwegs

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies feuert die Berliner Justiz bei der Modernisierung an

Es mag bald ein wenig sein wie im Hotel. „Guten Tag, ich bin heute Ihr gesetzlicher Strafrichter“, wird der Richter zu Verhandlungsbeginn sagen, „wozu darf ich Sie verurteilen?“ Ja, die Berliner Justiz will sich wandeln, will serviceorientierter arbeiten und ihre Kunden gar fragen, ob sie denn mit dem gebotenen Service zufrieden waren – wenn auch wohl nicht in erster Linie die Angeklagten. Wie auch immer: Justitia geht mit der Zeit, sie trägt eine Designer-Augenbinde.

Nicht, dass nun gleich in allen Gerichtssälen hypermoderne Freisprechanlagen aufgebaut werden. Doch im Zentrum der Bemühungen steht zumindest ein wesentliches Symbol, und zwar der Aktenwagen, unverrückbares Zeichen einer Justiz, die nichts kennt außer dem sorgsam geordneten Vollzug. Richtertisch, zweiter Stock, dritter Stock, Geschäftsstelle, wo ist gleich das Stempelkissen? „Die Akte ist leider gerade unterwegs“, das ist das steinerne Mantra der Berliner Rechtspflege, und es bedeutet: Irgendein Bote fährt damit irgendwo rum, und in ein paar Wochen sehen wir mal weiter.

Auch richtig ist aber: Die Abschaffung dieses Unwesens wird uns seit Erfindung des PCs praktisch jährlich angekündigt, und noch immer rollen die Wägelchen durch die Flure. Und es wird immer zweifelhafter, ob das noch der Wahrheitsfindung dient.

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