Aktion Ehrensache : Der stille Begleiter

Meist geht er von der Arbeit direkt ins Hospiz. Dann setzt er sich an ein Bett, hält eine Hand, lässt Nähe zu Andreas Breunung, Bahn-Mitarbeiter, steht Menschen auf ihrem letzten Weg bei. Das hat sein Leben positiv beeinflusst.

Patricia Hecht
Breunung Foto: Mike Wolff
Einfach da sein. Sein Platz ist am Krankenbett. Der Tod, sagt der 51-jährige Sterbebegleiter Andreas Breunung, habe sein Leben...Foto: Mike Wolff

Sie hatten ein Ritual, der alte Herr und Andreas Breunung: Sie frühstückten zusammen, jede Woche, monatelang. Der alte Herr war krebskrank, er erzählte vom Textilgeschäft, das er früher hatte, oder von seiner Familie. „Er war ein feiner Herr“, sagt Breunung. „Bis zuletzt legte er Wert auf sein Äußeres. Noch im Sterbebett trug er Hemd und Krawatte.“

Andreas Breunung, 51, begleitet Menschen während der letzten Wochen, Tage und Stunden ihres Lebens, ehrenamtlich. Beruflich koordiniert er internationale Projekte der Deutschen Bahn, und auf den ersten Blick kann man ihn sich leichter hinter einem Schreibtisch oder bei Besprechungen als an einem Sterbebett vorstellen. Meistens geht er von der Arbeit direkt zu den Kranken nach Hause oder ins Hospiz, selbst noch in Anzug und Krawatte – dem alten Herrn etwa, sagt Breunung, habe das gefallen.

Vor neun Jahren las der Ingenieur, der in Köpenick geboren wurde und in Mahlsdorf lebt, in der Zeitung über die Malteser. „Ich wollte etwas tun, das nicht mit Geld zusammenhängt“, sagt er mit ruhiger, freundlicher Stimme. „Etwas, das ich anderen zukommen lassen kann.“ Andreas Breunung, der selbst keiner Kirche angehört, belegte Kurse bei den Maltesern, er setzte sich mit Trauer und Schmerz auseinander. Er machte ein Praktikum in einem Pflegeheim, um zu merken, ob er einen Zugang findet zu Menschen und wieder loslassen kann, wenn es sein muss. Trotzdem sei ihm nicht klar gewesen, sagt er, was als Sterbebegleiter auf ihn zukommen würde.

Etwa 20 Menschen hat Andreas Breunung mittlerweile begleitet, bei jedem ist es anders. Mal liest Breunung vor, oft hört er einfach zu. Wenn jemand wütend ist oder verzweifelt, hält er es aus. Eine alte Dame lernte er erst kennen, als sie schon nicht mehr sprechen konnte. Er brachte Musik mit und hielt ihre Hand. „So haben wir kommuniziert“, sagt er. Die es noch können, möchten meistens auch das Sterben thematisieren. Doch Angst und brennende Fragen, sagt Breunung, hätten insbesondere die Angehörigen.

Andreas Breunung lässt den Tod nah an sich heran. Einfach so abschalten, sagt er, könne er nicht. Er geht joggen, er liest gern, er mag Krimis von Ken Follett. „Aber die Begleitungen sind immer dabei“, sagt er, „sie schwingen mit.“ Mit seiner Frau und den beiden Töchtern spricht er darüber, auch in der Gruppe bei den Maltesern tauscht er sich monatlich aus, um die Erfahrungen zu verarbeiten. Der Tod habe sein Leben verändert, sagt Breunung – und durchaus positiv beeinflusst. Stress und Ärger würden neutralisiert, viele Situationen auch im Beruf relativierten sich: „Man kocht nicht mehr so hoch.“ Sein Ehrenamt sei eine Bereicherung.

Er selbst, sagt Andreas Breunung, habe keine Angst vorm Sterben. Er hat eine Patientenverfügung und einen Nachlassordner. „Damit beschäftigt sich niemand gern“, sagt er, aber jetzt ist das Leben nach ihm für seine Familie geregelt. Und doch: „Wenn es so weit ist, wer weiß, wie ich mich dann tatsächlich fühle?“ An ein Leben nach dem Tod kann er nicht glauben.

Der Abschied von den Menschen, die er begleitet, kommt unweigerlich. Einmal war er zwei Jahre für jemanden da, eine andere Frau starb in der Nacht, nachdem er sie zum ersten Mal besucht hatte. Er versucht, zur Beerdigung zu gehen, um einen Schlusspunkt für sich zu finden. Nah, sagt er, gehe ihm der Tod eines Menschen jedesmal. Aber ein Abschied könne bitterer sein oder leichter. Es gebe einen einsamen Tod, sagt Breunung, ohne jeden menschlichen Kontakt. Und es gebe einen Tod im Familienkreis, einen begleiteten, einen würdigen.

AKTION EHRENSACHE

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Die Wall AG und der Tagesspiegel würdigen in einer gemeinsamen Initiative Menschen, die sich für ihre Nachbarn, für ihren Kiez, für ihre Stadt engagieren. Die Serie „Aktion Ehrensache“ stellt einige von ihnen vor – im Berlinteil des Tagesspiegel und außerdem auf Plakaten der Wall AG überall im Stadtgebiet.

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Sie können sich beteiligen! Sicher kennen Sie jemanden, dem Anerkennung gebührt. Schlagen Sie uns bis zum 8. August Ihren persönlichen Favoriten vor. Senden Sie einen aussagekräftigen Text auf maximal einer DIN-A-4-Seite: darüber, wie und wo er/sie sich engagiert und warum Sie dieses Engagement für beispielhaft halten. Der oder die Genannte muss sich außerhalb des Berufs ehrenamtlich betätigen. Postadresse: Der Tagesspiegel, Stichwort „Aktion Ehrensache“, Berlin-Redaktion, Postfach, 10876 Berlin. Per Mail: ehrensache@tagesspiegel.de Eine Jury wählt die außergewöhnlichsten Beispiele aus. Wir stellen sie am Ende der Aktion vor.

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