Wie Peter Schmidt sich mit Square Dance aus der Gefahrenzone sozialer Isolation tanzt

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Aktiv im Alter : Berlin ist die Hauptstadt der Single-Senioren
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Flotte Sohle. Peter Schmidt mit Tanzpartnerin beim Übungsabend in Spandau.
Flotte Sohle. Peter Schmidt mit Tanzpartnerin beim Übungsabend in Spandau.Foto: Paul Zinken

 Weit entfernt von Reinickendorf, in einem Neuköllner Café unweit der Lipschitzallee, grübelt Peter Schmidt über sein Leben nach. Er ist schlaksig wie ein Pubertierender, seine weißen Haare türmen sich wie Wolken am Himmel. Dreimal war er verheiratet, hat drei Kinder, aber seit über 15 Jahren lebt er allein. Es hat einfach nicht funktioniert mit ihm und den Frauen. Nur mit Bella, seiner Hündin, war er glücklich. "Die hat zugehört", er lacht, "die hat auch nicht widersprochen."

 Peter Schmidt, geboren 1940, mit vier Jahren nach Berlin gekommen, ist nicht freiwillig zum Alleinstehenden geworden. Es ist halt passiert, und er glaubt, es hat etwas damit zu tun, wie er ist als Mann. Oder besser: wie er war. Groß geworden in den Trümmern von Berlin, der Vater starb als Kriegsgefangener in Russland, organisierte Peter Schmidt schon als Kind die Kohlen und das Essen für Mutter und Bruder. Er musste stark sein und mutig, der Pimpf. Und so wurde er Dachdecker, weil man in diesem Beruf ein ganzer Kerl sein konnte. Er ist auf die höchsten Dächer geklettert und hat sich, wie er sagt, "bestimmte Dinge, die er haben wollte, mit Mutproben erbettelt".

 Dabei wohnte in ihm immer auch die Angst. Woher sie kam, das wusste er nicht. Ein Mann hat schließlich keine Angst zu haben, der macht einfach drauflos, der wettet und zockt, und ein Mann trinkt auch. Nur Gefühle zeigt er nicht. Die erste Frau verließ ihn samt der Kinder. Er ging auf Entzug, wurde trocken, aber das mit den Gefühlen und den Frauen, die Anforderung liebevoll zu sein, das blieb ein Problem für ihn, diesen "sehr männlichen Mann", wie er es ausdrückt - der jetzt im Alter ganz und gar nicht hart erscheint.

"Wenn man es kann, wird man umgarnt"

 So musste sich Peter Schmidt mit sich selbst arrangieren, sich seinen verborgenen Gefühlen stellen. Zum Glück hat er es getan, hat sich nicht eingeschlossen, sondern hat sich gekümmert: Er ist vom Dach gestiegen und zur BVG gegangen, er ist Gewerkschafter geworden, Sozialdemokrat, und vor allem: Tänzer. Mit amerikanischem Square Dance tanzte er sich aus der Gefahrenzone sozialer Isolation. "Wenn man es gut kann, und ich hab mir sagen lassen, ich kann es ganz gut, dann wird man umgarnt", sagt er und sein schmaler Oberkörper strafft sich. Wenn er zu Hause sitzt in seinen zweieinhalb Zimmern und die Einsamkeit in ihm hochkriecht, dann legt er eine CD ein und tanzt.

 Es ist natürlich gar nicht einfach, allein zu sein, aber für ihn, findet er mit seinen 72 Jahren, sei es vielleicht besser so. Man brauche nur ein Hobby, Beschäftigung und Menschen, für die man sich einsetzen kann. Schmidt war schlau genug, sich sein Hobby zu suchen, bevor er in Rente ging. "Aber das machen die wenigsten Männer", sagt er. In den vielen Jahren, in denen er in Neukölln zum Beispiel Benefiz-Konzerte zugunsten von Kindern organisiert und sich für die Menschen in seinem Kiez engagiert, hat Schmidt immer wieder eine Erfahrung gemacht: Viele Männer, die allein sind, wollen angesprochen werden. Sie warten sehnsüchtig darauf, aber das Warten, diese sie selbst oft irritierende Passivität, in der sie stecken wie in einem abgeschlossenen Raum, verbittert auch.

 Jutta Kollmorgen kennt Peter Schmidt nicht, sie sind sich nie begegnet, aber sie würden sich wohl verstehen. Sie machen sich ganz unabhängig voneinander Gedanken darüber, wohin sich diese Gesellschaft bewegt, wenn immer mehr Menschen "in Ruhe gelassen werden wollen", weil sie meinen, alleine besser klar zu kommen. "Dabei ist man alleine gar nichts", findet Kollmorgen.

 Sie sitzt am Berliner Seniorentelefon, einer Einrichtung des Humanistischen Verbands, und bekommt gemeinsam mit ihren Kollegen mit, welche Probleme alleinstehende, ältere Menschen haben. Viele sind in sich gekehrt, gerade wenn der langjährige Partner stirbt, aber es gibt auch eine ganze Menge Leute, "die sich nur ausheulen, aber nichts verändern wollen", sagt Jutta Kollmorgen. Sie kann das nicht verstehen.

Selbstverständlich hat sie ihre Eltern gepflegt

 Kollmorgen gehört zu einer Generation von Singles, die über viele Jahre ein Familienleben und ein Leben mit Partner geführt haben. Genauso wie Peter Schmidt und Gerda aus dem Kastanienwäldchen. Sie wissen, was es heißt, Kompromisse einzugehen, zurückzustecken, solidarisch zu sein, Fehler zu machen. Zu verzeihen. Gerda hat "selbstverständlich" ihre Eltern und die Schwester bis zur eigenen Erschöpfung gepflegt. Aber nun kommt hinter ihnen eine neue Generation, die, wie es etwa Jutta Kollmorgen mit ihrem Team beobachtet, "oft gar keine Partnerschaft will". Sie hören die Argumente ihrer Kinder, die sagen, als Single kämen sie viel besser zurecht, sie seien flexibler, angepasster an diese rasanten Zeiten. Aber später im Alter, vermutet ein Kollege Kollmorgens, kommen die dicken Tränen. "Menschen, die sehr lange alleine leben, entwickeln negative Einstellungen. Sie können keine Wärme ausstrahlen, lehnen Kinder ab und werden engstirnig und egoistisch", sagt Kollmorgen. So gehe der zwischenmenschliche Reichtum einer Gesellschaft schleichend verloren.

 Kollmorgen findet, dass ein Partner, so wie sie es erlebt hat, letztlich nicht zu ersetzen sei. "Auch nicht von der eigenen Familie." Es fehle einfach die Geborgenheit. Sie war zweimal verheiratet, das erste Mal 30 Jahre lang, sie hat drei Kinder und sechs Enkel. Als auch ihr zweiter Mann starb, war sie 58. Dann ist sie durchgestartet und ist in gewisser Weise auch ein bekennender Single geworden. Das lag auch am Sex.

 Sie ist jetzt 73, aber sie war immer eine selbstbestimmte Frau. Geboren im Harz, aufgewachsen in Quedlinburg, erst macht sie eine Ausbildung zur Feinmechanikerin, später studiert sie in Leipzig, und in Berlin wird die politisch engagierte Diplom-Pädagogin Lehrerin und arbeitet bis zur Wende als Schuldirektorin.

 Als sie verheiratet war, hat sie gerne geflirtet, aber sie war treu. Mit knapp 60 Jahren war das körperliche Bedürfnis nach einem Mann nicht verschwunden. Und so zieht sie los zum Tanzen, und ist sich oft schon vorher sicher: "Heute lernst du einen kennen". Wie sie das gemacht hat? Sie lächelt. "Körpersprache", beim Tanzen sei das sehr einfach. Jedenfalls hätten die Männer schnell kapiert, was sie wollte. Kollmorgen weiß, dass das Thema Sexualität im Alter "totgeschwiegen wird", es ist unter den Senioren, die sie kennt, ein "totales Tabu". Peter Schmidt hat es anders ausgedrückt, er hat gesagt, viele Männer würden unter sich gerne noch darüber sprechen und prahlen, nur passieren würde wenig. Auch er sei noch interessiert, die Sehnsucht nach körperlichem Kontakt sei schon vorhanden. Aber bei den meisten Männern, die er kenne, sei die Sehnsucht nach einem Gesprächspartner größer als die nach einem Sexualpartner.

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