Berlin : Alarm im toten Winkel

Verkehrserziehungswoche für Berliner Schüler Bundesweit 135 Tote bei Abbiege-Unfällen mit Lkw

Stefan Jacobs

Die Hupe des Sattelschleppers hat Marlon schnell gefunden. Seine Mitschüler aus der Kreuzberger Reinhardswald- Grundschule dagegen sucht der Sechstklässler vergeblich. Dabei stehen sie rechts neben dem Führerhaus. Aber: Sie befinden sich im toten Winkel – jenem Bereich, den ein Lastwagenfahrer mit den herkömmlichen drei Außenspiegeln auf der rechten Seite nicht sehen kann. Deshalb hat die Bildungsverwaltung auch in diesem Jahr allen Grundschulen eine Verkehrserziehungswoche verordnet, in der Lehrer ihre Schüler über das Risiko des toten Winkels aufklären sollen. Gestern fand die Auftaktveranstaltung statt. Die Polizei beteiligte sich ebenso wie Fuhrgewerbeinnung, Fahrlehrerverband, Unfallkasse und die Dekra. Auf deren Gelände am Flughafen Tempelhof stand der Lastwagen, der Marlon und seine Klassenkameraden mehr beeindruckte als alle Theorie: „Ich wusste es, aber ich hätte es vorher nicht geglaubt“, sagt er, als er aus dem Fahrerhaus klettert.

14 Fußgänger und 86 Radler sind allein in Berlin im vergangenen Jahr von rechts abbiegenden Lastwagen gerammt worden. Zwei Radfahrer starben; bundesweit gab es sogar 135 Tote.

Rund 172 000 Schüler wurden mit der Aktion in den vergangenen zwölf Jahren erreicht. Gut möglich also, dass sie schon mehreren Kindern das Leben gerettet hat. Bei der Ausrüstung der Lkw tat sich – nach kurzzeitigem Aktionismus wegen mehrerer tödlich verunglückter Kinder – wenig: Während in Holland, Belgien und Dänemark alle Lastwagen mit einem Zusatzspiegel ausgestattet werden mussten, folgt Deutschland der EU-Regelung, laut der ab 2007 nur fabrikneue Lkw einen vierten rechten Spiegel haben müssen.

Wolfgang Klang, Direktor der Berliner Verkehrspolizei, kündigte an, die für die nächsten Wochen avisierten Radfahrerkontrollen vor allem dem Thema Rechtsabbiegen – und damit auch den Auto- und Lkw-Fahrern als potenziellen Unfallverursachern – zu widmen. Man wolle sich gezielt an gefährliche Kreuzungen stellen. Nach Erfahrungen des Radfahrerclubs ADFC kracht es meist dort, wo Radfahrer auf Gehweg-Radwegen unterwegs waren – und vorschriftsgemäß bei Grün fuhren. ADFC-Landeschef Benno Koch kritisiert auch die Art der Verkehrserziehung: „Die Lobbyistenverbände tun so, als wäre der tote Winkel gottgegeben.“ Lieber sollten die Spediteure zum Nachrüsten der Spiegel veranlasst werden.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben