Berlin : Alexander Galius: "Ich möchte, dass mein Mann wie jeder normale Mensch beerdigt wird"

Kerstin Gehrke

Entschlossen wirkte Elfrieda Galius. Auge in Auge mit den beiden Angeklagten sagte die 42-jährige Frau nach fast vier Jahren der Ungewissheit: "Ich hasse Sie nicht, ich möchte einfach nur, dass mein Mann wie jeder normale Mensch beerdigt wird." Sie beschwor die Männer, ihr Schweigen zu brechen, aber ihr Appell ging ins Leere, zumindest am gestrigen ersten Verhandlungstag im Prozess um die Entführung des 50-jährigen Computerhändlers Alexander Galius.

Aus Sicht der Anklage sind die beiden Männer, die im September 1997 den Geltower Gastwirtssohn Matthias Hintze entführt und in ein Erdloch gesteckt hatten, auch für das Schicksal von Galius verantwortlich. Sergej Serow und Vjatscheslav Orlow sollen ihn am 9. Juni 1997 an seinem Arbeitsplatz mit Äther betäubt, verschleppt und in ein Erdverlies gesperrt haben, um eine Million Mark zu erpressen. Während die Leiche des 20-jährigen Hintze wenige Woche nach seiner Verschleppung aus dem Erdloch in einem Waldstück in Mecklenburg-Vorpommern geborgen werden konnte, fehlt von Galius bis heute jede Spur. Dem 41-jährigen Serow und dem 30-jährigen Orlow wird wie im Fall Hintze erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge vorgeworfen. Das Potsdamer Landgericht hatte die beiden Männer nach Geständnissen zu jeweils 14 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt. Im Berliner Prozess aber schweigen die Männer. "Ich habe nichts mit der Sache zu tun, deshalb werde ich nicht aussagen", erklärte Serow. Er saß mit Dreitagebart und einem weißen, am Ärmel zerrissenem Hemd auf der Anklagebank. Auch Orlow meinte, er habe nichts zu sagen und werde deshalb schweigen.

Es war die Familie Galius, die zunächst zu Wort kam. Der 24-jährige Sohn Veniamin sprach über seinen Vater und über die vier Tage, als es Mitteilungen der Kidnapper gab. Alexander Galius war 1991 nach Deutschland gekommen, weil er in Russland wegen seiner jüdischen Abstammung Probleme hatte. Er sei ein leidenschaftlicher Techniker gewesen, sagte der Sohn. In Berlin habe er von Anfang an in dem Computergeschäft in der Augsburger Straße gearbeitet, aus dem er an einem Montag entführt wurde.

Am Abend rief der Bruder des Geschäftsinhabers an. Der hatte bemerkt, dass der Laden offen und verwaist war, die Jacke von Galius aber über einem Stuhl hing. Der Sohn fuhr sofort los. Im Geschäft nahm er einen Geruch wie beim Zahnarzt wahr. Zuerst glaubte der Student, sein Vater hätte ärztliche Hilfe gebraucht. Weil in der Kasse 700 Mark fehlten, hatte die Polizei aber einen anderen Verdacht: "Wo ist Ihr Vater, wo ist er mit der Kasse hin?", fragten die Beamten.

Am nächsten Tag war klar, dass Alexander Galius Opfer einer Entführung geworden war. Die Erpresser hatten ihn gezwungen, eine Nachricht auf Tonband zu sprechen und drei Briefe zu schreiben. Aus Sicht der Ermittler belegt die Parallelität der Fälle, dass die Hintze-Entführer auch für den Tod des Computerhändlers verantwortlich sind. So gingen die Erpresserbriefe vom selben Postamt ab, benutzten die Entführer dieselbe Telefonzelle. "Ich bin fest davon überzeugt, dass sie die Täter sind", sagte der Sohn am Rande des Prozesses.

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