Berlin : Alle Achtung

Wie lenkt man einen 40-Tonner, ohne Radfahrer zu gefährden? Ein Fahrstunden-Bericht

Thomas Loy

Manuel Luft ist der Herrscher über 40 Tonnen, verteilt auf vier Achsen. Riesige Asphaltflächen breiten sich vor seiner Frontscheibe aus. Der ferne Punkt dort im Rückspiegel, das ist die hintere Kante seines Anhängers. Manuel könnte sich mächtig und überlegen fühlen in seinem hoch über der Fahrbahn verschraubten Cockpitsessel, wären da nicht die vielen kleinen wuselnden Radfahrer, die sich respektlos an seinem Laster vorbeischlängeln. Jedes Jahr werden es mehr, sagt die Frau neben Manuel. Und nirgendwo führen Radler unvorsichtiger als in Berlin.

Manuel hat wieder Lkw-Fahrstunde, die wievielte, weiß er nicht mehr. Sein Mund steht etwas offen, die Stirn kräuselt sich, die Nerven spielen verrückt. Schon bei den ersten Fahrstunden drohten sie außer Kontrolle zu geraten, und die Frau neben ihm, seine Fahrlehrerin, dachte schon daran aufzugeben. Wenn ihre Schüler nicht lernen, bei voller Konzentration ruhig zu bleiben, sind sie für den hyperaktiven Berliner Verkehr untauglich.

Da ist sie, die erste Radfahrerin, ein Mädchen mit langen Haaren. Sie fährt am Rand der Storkower Straße und wird gleich ein Müllauto überholen, ohne sich umzuschauen. Manuel ahnt das schon, geht vom Gas und bleibt hinter ihr. 40 Tonnen bremsen ab, weil ein Fliegengewicht glaubt, allein auf der Welt zu sein. „Normalerweise ziehen die Lkw-Fahrer aber vorbei“, sagt Ulrike Siouani von der Fahrschule am Fennpfuhl in Weißensee. Damit gefährden sie zwar die Radfahrerin, aber Brummi-Fahrer denken nicht unbedingt über solche Dinge nach. Die haben Termine im Kopf, die üble Laune ihres Chefs im Nacken oder einen Kater.

Rechtsabbiegen am Frankfurter Tor. Manuel schaut früh in die fünf Außenspiegel. Eine Radfahrerin ist hinter ihm, dann verschwindet sie aus dem Blickfeld. Weil der Radweg weit ab von der Fahrbahn verläuft, ist der tote Winkel viel größer als sonst. Manuel biegt ab, langsam tastet er sich vor; in der Kurvenlage sind die vielen Spiegel sowieso wertlos. Die Radfahrerin bleibt verschollen. Sie war hinter Manuels Lkw auf die Straße gefahren und hatte ihn links passiert. Alles gut gegangen. Wenn man nichts mehr sieht, hilft nur Langsamfahren, sagt Ulrike Siouani, wissend, dass Berufsfahrer dazu keine Zeit haben.

Auf der Petersburger Straße unterläuft Manuel ein erster Schnitzer. Rechts fährt ein Radfahrer dicht am Straßenrand, von links hinten rollt ein Kleinlaster heran. Manuel zögert einen Moment zu lange – was soll er tun? Ausweichen? Bremsen? Der Abstand zwischen den Radfahrer-Ohren und den Außenspiegeln des Lkw wird zu knapp. „Damit wäre er durchgefallen“, sagt Siouani trocken. So ein MAN-Laster passt eben gerade zwischen zwei Spurmarkierungen – und seine Außenspiegel liegen ungefähr auf gleicher Höhe wie der Kopf eines Radfahrers.

Was Lkw-Lenker Manuel, 22 Jahre alt, idealtypisch leisten muss, ist im Berliner Verkehrsalltag kaum zu schaffen. „80 Prozent in die Spiegel schauen, 20 Prozent nach vorne“, sagt Siouani, „für die anderen mitdenken. Denn Radfahrer gucken grundsätzlich nicht, Autofahrer selten.“ An Kreuzungen erst einbiegen, wenn links und rechts vom Lkw (anscheinend) alles frei ist. Und natürlich, im wahrsten Sinne des Wortes, vorausschauen. „Die nächste Möglichkeit nach links“, weist Siouani an. Manuel ordnet sich links ein und steht prompt falsch, denn die nächste Kreuzung hat eine Mittelinsel, um die er mit dem Anhänger nur herumkommt, wenn er auf der rechten Spur fährt.

Also sofort Fahrbahn wechseln, vorne auf Fußgänger achten, an der Seite auf Radfahrer und nach hinten, ob das Ende des 18,75 Meter langen Lindwurms nicht gerade eine Ampel abrasiert. Und immer mit Überraschungen rechnen. Von den Lkw-Fahrern im Alltag könne man so viel aktive Umsicht nicht verlangen, sagt Siouani, deshalb sollte technisch weiter aufgerüstet werden. Ein Dobli-Spiegel wäre gut oder eine schwenkbare Kamera, die ständig das seitliche Geschehen im Blick hat. Viele Lkw hätten nicht mal einen Weitwinkelspiegel.

Nach 45 Minuten steht Manuels Koloss wieder still. Gerade einmal 12 Kilometer Strecke haben sie zurückgelegt, mittlere Geschwindigkeit unter 40 km/h. Manuel reibt sich die Augen. „Dass Lkw-Fahren so stressig ist, hätte ich nicht gedacht.“ Bisher ist er immer bei seinem Vater mitgefahren, Kraftfahrer seit 25 Jahren, unfallfrei. Er schien immer ganz entspannt, so vom Beifahrersitz aus betrachtet. Sein Vater hat ihn in der Firma untergebracht, für die er jetzt nach Spanien dieseln soll. Dort gibt es nicht so viele Radfahrer.

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