Berlin : Alle gucken zu, keiner greift ein

Zum Auftakt einer Plakataktion gegen rechtsradikale Gewalt berichtet ein Opfer von einem Angriff

Laura Platt

Dovenon Narcisse kann nicht mehr gut schlafen. Rückenschmerzen und Herzprobleme machen ihm zu schaffen. Doch vor allem sind es die Bilder, die den Schwarzafrikaner aus Benin seit dem verhängnisvollen Tag verfolgen. Vor rund einem Jahr wurde Narcisse von russischen Schlägern angegriffen und krankenhausreif geprügelt. Das Schlimme: Viele Passanten schauten zu, keiner hat etwas unternommen.

„Das ist kein Einzelfall“, sagt Sanchita Basu, Mitarbeiterin bei Reach Out, einer Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Oft hätten die Augenzeugen Angst zu helfen oder schauen aus Hilflosigkeit weg. Um die Menschen sensibel für dieses Thema zu machen und ihnen den Mut zu geben, bei rechtsradikalen Angriffen aktiv einzuschreiten, starteten gestern Reach Out und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) eine Plakataktion. Insgesamt 230 Plakate hängen für zwei Wochen in S- und U-Bahn-Stationen, mit dem Aufruf, bei Gewalt gegen Ausländer nicht wegzuschauen, sondern zu helfen.

Narcisse kennt das Gefühl der Hilflosigkeit nur zu gut, wenn alle gucken, aber keiner eingreift. Und die Wut darüber, wenn der, den du um Hilfe bittest, mit den Achseln zuckt, sich umdreht und geht. Etwa ein Dutzend Menschen wurden Zeugen des Angriffes, doch selbst nachdem Narcisse sie ansprach und um Hilfe bat, zeigten sie keine Reaktion. „Das tut weh, keine Unterstützung zu haben. Wie kann man nur so gehasst werden?“

Ein Jahr ist der rechtsradikale Angriff auf den Afrikaner jetzt her und er hat sein Leben hier in Deutschland verändert. Es war gegen sieben Uhr morgens, als Narcisse am Nöldnerplatz in die S-Bahn steigen wollte. Elf Russen störten sich offensichtlich an der Hautfarbe des Afrikaners und fingen an, ihn herumzuschubsen und zu beschimpfen. „Du Scheißnigger, raus hier!“, an diese Worte erinnert sich Narcisse sehr genau. „Ich habe gefragt, was ich denen getan habe, aber die antworteten: Du bist ein Scheißnigger.“ Zehn Minuten musste er die Schläge ertragen, bis die Polizei eintraf und die Russen festnehmen konnte. Der Prozess gegen die Täter läuft. Seit gut fünf Jahren lebt Narcisse jetzt schon in Berlin, studiert an der FH Informationswissenschaften. Ihm habe es in Deutschland immer gut gefallen, doch jener Tag hat seine Spuren hinterlassen. Zwei Wochen musste der Afrikaner im Krankenhaus behandelt werden, hatte starke Prellungen und innere Blutungen. Doch schlimmer als die körperlichen Schmerzen sind die seelischen. „Ich fühle mich in Deutschland nicht mehr sicher“, sagt er. Narcisse geht seit dem Angriff zur Therapie, versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Durch das Schreiben eines Buches will er die quälende Erinnerung loswerden. Doch dass ihm damals keiner geholfen hat, nagt ganz besonders an ihm. Zu der Plakataktion sagt Dovenon Narcisse: „Die Plakate sind sinnvoll.“ Für ihn kommt diese Hilfe zu spät.

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