Berlin : Alle Macht den Frauen

Wolfram Siebeck

Als ich den Korb mit den leeren Weinflaschen in den Keller trage, ruft mir Frau Hoffmann die heutige Schlagzeile in Erinnerung: „Alkoholkonsum in Deutschland bleibt hoch“, miaut sie mir parodistisch hinterher. Na und, denke ich, rechne ich dir die leeren Dosen mit Katzenfutter vor, die bei uns die Mülltonne füllen? Aber Katzen unterscheiden sich nicht sehr von jenen Gutmenschen, die ihr Augenmerk nur auf die Verfehlungen der Mitmenschen richten. Sie rufen nach der Justiz, wenn befreundete Mächte ihre Gefangenen in unserem Vorgarten foltern lassen, kümmern sich aber nicht darum, wenn ihre Gören Fliegen die Flügel ausreißen.

Als ich mit dem leeren Korb wieder nach oben komme, sitzt sie immer noch auf der obersten Treppenstufe, ganz die Herrscherin übers gewöhnliche Volk.

„Bild dir bloß nichts ein“, warne ich sie im Vorbeigehen, „es sieht zwar aus, als hättet ihr zurzeit die Oberhand. Aber es ist noch nicht aller Tage Abend!“

Frau Hoffmann ist verblüfft. Jedenfalls blickt sie mir mit großen Augen nach. Hat sie es noch nicht erfahren? Großzügig wie ich bin, informiere ich sie:

„In Polen hat eine deiner Sorte, eine Frau also, einen wichtigen Regierungsposten übernommen.“ Sie braucht eine Minute, bevor sie die Tragweite dieser Neuigkeit begreift.

„Eine … Kanzlerin?“

„Nein“, präzisiere ich. „Deine Freundin Merkel ist einmalig. Aber immerhin wieder eine Frau! In Paris sitzen gleich mehrere in der Regierung!“

Jetzt hat sie sich gefangen und wird lebhaft: „Bei uns sitzt nicht nur Frau Merkel im Kabinett. Da ist noch Ulla Schmidt und die neue...“

„Ja, aber wie die Pariser Ministerinnen frisiert sind und was für elegante Kleider die tragen!“

„Haben sie die selber bezahlt?“

„Diese Frage passt nur zu gut zur preußischen Spießigkeit! Merke dir: Ein Staatsoberhaupt oder ein Regierungsmitglied sollte doch elegant und vorteilhaft aussehen, meinst du nicht auch?“

Jetzt ist sie wieder unsicher, putzt an ihrem Pelz herum. „Aber der Ex-Kanzler mit den Brioni-Anzügen, war das nötig?“

„Was ist schon Brioni für einen Regierungschef? Bei mir hängen auch Brioni-Jacken im Schrank. Und es sind nicht einmal meine besten.“

„Sie sind auch zu eng“, sagt sie leise.

„Das waren sie nicht immer“, weise ich sie zurecht. Es entsteht eine Pause, die Frau Hoffmann benutzt, vorsichtig an mir vorbei die Treppe hinunterzugehen.

„Wo willst du hin? Unten ist nichts los. Die herrschende Klasse ist immer oben!“

„Was meinst du mit herrschender Klasse?“

„Nun, euch Frauen. Auch in Island regiert eine von euch, und in Estland auch. Oder Lettland oder Litauen.“

„Wenn du die mit den Zöpfen meinst, die wohnt in der Ukraine.“

„Vergiss Finnland nicht! Gibt es eigentlich ein Land, wo die Macht nicht in den zarten Händen von Frauen liegt?“

„Es wurde auch Zeit für einen Wandel“, befindet sie und beißt auf ihren zarten Pfoten herum.

„Nur dass ich keinen Wandel sehe. Was hat sich denn bei uns gewandelt, seit wir die weiblich geführte Koalition haben?“

„Dass wir überhaupt eine große Koalition haben, ist dir wohl noch nicht Wandel genug?“

„Allerdings nicht! Wo ist denn der Unterschied, ob eine Frau mir den Strafzettel unter den Scheibenwischer steckt oder ein Mann?“

Frau Hoffmann trippelt ein paar Stufen weiter nach unten, bleibt sitzen und sagt: „Den Zettel kriegst du ja nur, weil du wie ein Macho Auto fährst.“

„Oder weil ich wie eine Frau parke!“

„Jedenfalls ist es Zeit, dass eure Alphatiere mal an die Kette gelegt werden.“

„Okay, wenn es dem Weltfrieden hilft. Das erklärt aber nicht, weshalb die Alphafrauen immer im Halteverbot parken.“

„Das müssen sie tun“, sagt die Katze und rennt die Treppe wieder herauf, „weil sie von euch lernen müssen, wie man sich unbeliebt macht.“

„Ist doch nicht schwer“, schlage ich vor. „Ihr müsst uns nur nachrufen, wenn wir den Müll raustragen, dass der Alkoholkonsum in Deutschland hoch bleibt!“

— Der Autor ist

Deutschlands bekanntester Gastrokritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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