Berlin : Allein mit der UN

Sondergesandter der Menschenrechtskommission zu Gast in Wedding Unterrichtsbesuche und Vieraugengespräche an der Erika-Mann-Schule

Susanne Vieth-Entus

Vernor Muñoz Villalobos ist offenbar ein Mann, der den Dingen auf den Grund gehen will: Bei seinem gestrigen Besuch in der Weddinger Erika-Mann-Grundschule hatte der Sondergesandte der UNMenschenrechtskommission nicht nur drei Simultandolmetscher dabei, um kein Wort zu verpassen. Er verlangte sogar Vieraugengespräche mit Eltern und Schülern, um eine mögliche Befangenheit durch die Anwesenheit von Behördenvertretern zu vermeiden. Als er nach zwei Stunden die Schule verließ, hatte er außerdem noch in drei Klassen den Unterricht besucht und sich das besondere Theaterprofil der Schule erläutern lassen, an der 85 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien stammen.

Die Erika-Mann-Grundschule ist eine von rund 30 Stationen, die Muñoz Villalobos in Deutschland ansteuert. Überall – ob in München, Bonn oder Berlin, ob in Kitas oder in der Humboldt-Universität – dreht sich jeder Termin um die Frage, ob das Recht auf Bildung in Deutschland umgesetzt wird – und zwar auch für Benachteiligte, für Migranten und Behinderte.

Karin Babbe, die Leiterin der angesehenen Mann-Grundschule, hat kein Problem damit, dass Muñoz Villalobos hierher geschickt wurde, um den Bildungschancen nachzuspüren. „Es ist doch gut, dass man sich um das Thema kümmert“, sagt Babbe. Schließlich liege es in der Hand der Gesellschaft, das Bildungsrecht für benachteiligte Menschen umzusetzen. Und sie fügt hinzu: „Gerechtigkeit beginnt mit der Ungleichverteilung der Mittel“. Anders ausgedrückt: Schulen im sozialen Brennpunkt brauchen mehr Personal. Aber um das durchzusetzen, muss die Gesellschaft sensibilisiert werden – etwa durch Besuche wie den der UN.

Muñoz Villalobos wird sich in diesen Tagen auch wieder mit den Pisa-Ergebnissen befassen. Es wird darum gehen, dass in keinem anderen OECD-Land die Bildungschancen derart an die soziale Herkunft gekoppelt sind wie in Deutschland. Und dass deshalb der Ruf nach der Abschaffung des gegliederten Schulsystems lauter wird. Zum Abschluss seines Besuchs in Deutschland wird der Gesandte jedenfalls kein Gymnasium besuchen, sondern die Jungk-Gesamtschule in Wilmersdorf.

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