Berlin : Alles andere als studentisch

Elisabeth Binder

Am Lützowplatz 5, 10785 Berlin-Tiergarten, Tel. 25 79 93 33, geöffnet: montags bis sonnabends von 11. 30 bis 14. 30 und 18. 30 bis 22. 30 Uhr, sonntags ab 17. 30 Uhr, Kreditkarten: keine AngabenElisabeth Binder

Kein Zweifel, daß sich in diesem eleganten Ambiente Intellektuelle, Macher und Kreative treffen. Kein Wunder also, daß mein Begleiter aus Blankenese seine Blicke mit dem Ausdruck höchster Verwirrung schweifen ließ: "Ich dachte, die gehen jetzt immer in den Osten. " Die Begleiter haben es wirklich nicht leicht mit dieser Stadt. Immer, wenn sie gerade mal was gelernt haben, ändert sich wieder alles. Die "Mensa" des wohlhabenden Publikums im weiteren Umfeld der neuen Mitte liegt am Lützowplatz, im alten Westen also. Allerdings haftet dem Lokal so gar nichts Studentisches an. Aus den Räumen eines alten Steakhauses ist ein strahlend weißes, spotleuchtendes, von eleganten Rundungen geprägtes Restaurant geworden. Ein oscar-übersäter, total trendsettiger Bühnenbildner könnte keine bessere Kulisse für die Kulturschickeria der aufstrebenden Metropole wählen.

Seit zwei Monaten wirkt hier der frühere Koch vom Schloßhotel Vierjahreszeiten, der sich auf diese Weise seinen Traum von der Selbständigkeit erfüllt hat. Den einen oder anderen Stammkunden hat er offenbar mitgebracht. Obwohl das Lokal nicht gerade klein ist, klappte unser Reservierungswunsch erst im dritten Anlauf. Dafür bekamen wir dann aber auch einen schönen, ruhigen Tisch mit Ausblick auf im Hof umherwandernde Küchengeister, die offenbar nur dort ihrem Zigaretten-Laster frönen dürfen.

Quietschfideler, freundlicher und flotter Service. Endlich einmal wieder ein Restaurant, in dem nicht bis aufs letzte am Personal gespart wird. Jedenfalls sah ich mehrere Leute zwischen den Tischen hin- und hereilen, nicht hektisch, aber doch mit Tempo.

Konnte es sein - oder doch nicht? An einem entfernteren Tisch glaubten wir eine Gruppe ostdeutscher Politiker linker Prägung entdeckt zu haben. Vielleicht hielten wir die Truppe ja auch nur deshalb für die neue Linke, weil sie als einzige so gar nicht nach Kulturschickeria aussah. Irgend etwas fehlte. Vielleicht hier ein Jacket, dort eine Fön-Frisur. . . "Ja sollen die denn immer zu Konnopke gehen?" fragte ich meinen interessiert spähenden Begleiter, der in Blankenese vor solche Fragen natürlich nie gestellt wird. "Hier bekommen sie was Ordentliches zu essen, ohne gleich im Wahlvolk zu ersticken. "

Es gibt zwei Sorten offenen Champagner, eine für milde 12, eine andere für immer noch freundliche 14 DM. Die für ein junges Restaurant überraschend dicke Weinkarte enthält Flaschen aus Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich für den fortgeschrittenen Trinker. Mit einem ordentlichen Silvaner aus Franken für 54 DM bewegten wir uns in den unteren Regionen des hier veranschlagten Preisgefüges. Pädagogische Geste für Schnelltrinker: Der Wein wurde ein ganzes Stück weit entfernt von unserem Tisch plaziert. So unterbindet man erfolgreich heimliches Nachschenken - aber wie gesagt: Der Service war ja flott. Die Accessoires sind so, wie es sich für ein gehobenes Restaurant gehört: Kerzen, Rosen, weiße Tischtücher, Stoffservietten, außerdem kleine Edel-Gags wie Reagenzgläser mit Kräuteröl, die an die schwerledernen Speisekarten angeheftet sind. Zwei Sorten Brot, Butter. Zwei Menüs für 90 und 130 DM, außerdem noch eine aktuelle Karte.

Als Amuse Gueule gab es Krustentier-Samosa mit süß-sauren Gemüsestreifen, klein, fein und sanft süß-sauer. Die Küchenrichtung ist polyglott post-nouvelle, bestimmt von Einflüssen aus aller Welt, offenbart sich so an Gerichten wie dem gepfefferten Thunfisch auf Couscous mit Zitronengrasvinaigrette. Eine Köstlichkeit der Hummersalat mit Wildkräutern und Sauternes-Vinaigrette, apart und ökologisch korrekt serviert im eßbaren Förmchen (34 DM). Kaum umfangreicher, aber nicht weniger gut der Steinbutt im stellenweise etwas mehr als angeschwärzten Trüffel-Brikteig auf Risotto (38 DM).

Nicht ganz so zart portioniert, aber in der Qualität nach unten deshalb keinesfalls abweichend die Hauptgerichte: Das Rotbarbenfilet auf braisiertem Fenchel und Kirschtomatenbutter befand sich in Gesellschaft von derart köstlichem Blumenkohlmousse, daß wir uns fragten, warum dieses Gemüse je in anderer Form serviert wird. (Antwort: weil auch ein Mousse gekonnt sein will, 45 DM). ) Saftig und zart war das Kalbsfilet auf jungen Artischocken mit Petersilienwurzeljus und Kartoffeln, ein schlicht wirkendes Gericht, dessen Geschmack doch eine Weile nachklang (45 DM). Auch die Desserts erwiesen sich als durchaus erinnerungswürdig, die Kaffeepyramide mit Baumkucheneinlage und erst recht die hinreißenden kleinen Topfenknödel auf Blaubeerkompott mit Portwein-Eis.

Blankenese wollte gerade hinübergehen zu dem Tisch mit der mutmaßlichen Ost-Linken, als mir war, als träfen einige schwäbische Wortfetzen mein Ohr. Ich hielt ihn zurück. Verwirrung über die Verhältnisse ist im Grunde so gesund wie Blumenkohlmousse. Wenn auch nicht immer so köstlich.

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