Berlin : Alles aus einer Hand

Das neue Concorde-Hotel in Charlottenburg wurde komplett im Büro Kleihues entworfen

Bernd Matthies

Droben im neunten Stock des Concorde-Hotels packt Jan Kleihues entschlossen zu, faltet einen Kofferbock zusammen und hängt ihn in den Schrank der Suite. Zack! „Das Ding“, sagt er dann nicht ohne Zufriedenheit, „hat uns beim Zeichnen mehr Mühe gemacht als alle Lampen zusammen.“ Nun fällt es satt in die eigens dafür gefertigten Haken und nimmt keinen Platz weg im Zimmer, und der Innenarchitekt...Moment. Kleihues? Das berühmte Berliner Büro baut Häuser in allen Größen, ist aber innenarchitektonisch weniger profiliert. Doch Kleihues hat sich über den ungewöhnlichen Auftrag gefreut: „Viele Büros würden gern außen und innen gestalten“, sagt er, „aber das ist nur selten möglich.“ Das kürzlich fertig gestellte neue Maritim in Tiergarten ist außen Kleihues, aber innen Art-Deco-Imitat...

Im Concorde-Hotel an der Ecke Augsburger/Joachimstaler Straße war es möglich, alles aus einer Hand zu gestalten, weil zwei Dinge zusammenkamen: ein kunstsinniger, qualitätsbewusster Bauherr wie Hans Grothe und ein Hotelkonzern, der jeden Bau individuell gestaltet sehen möchte. Das neue Berliner Haus ist also auch drinnen konsequent modern, aber nicht vordergründig. Denn wer Kleihues leiden sehen möchte, wirft ihm den Begriff „Designhotel“ hin. „Das wollten wir gerade nicht“, sagt er dann, Effekte nach gerade grassierender Mode sollten vermieden werden: „Ich will, dass das hier auch noch in 20 Jahren Bestand hat.“

Die Außenansicht allerdings muss noch viel länger von Bestand sein. Kleihues hat für die Fassade Muschelkalk gewählt, der mit seiner offenporigen Struktur und den rötlichen Reflexen sehr lebendig wirkt. Grundüberlegung beim Entwerfen: Die Kreuzung Joachimstaler Straße/Kurfürstendamm ist von extrem unterschiedlichen Baukörpern geprägt wie dem eckig-gläsernen Victoria-Gebäude und dem kompakt-runden Swissôtel. Beide durchbrechen die Berliner Traufhöhe, und Kleihues hat deshalb einen Mittelweg gewählt: Sein Gebäude knüpft an die benachbarten Häuser exakt an, wächst dann aber zur Ecke hin zügig in die Höhe, höher noch als das Swissôtel. Umlaufende, horizontal profilierte Brüstungsbänder verleihen dem Block dennoch Bodenhaftung. Die treppenförmige Gliederung wird auch von der nach und nach zurückspringenden Fassade aufgenommen – gewisse Anklänge an das berühmte Fahrenkamp-Haus der Gasag in Tiergarten sind sicher kein Zufall.

Dass der Gesamteindruck eher an ein Bürogebäude als an ein Hotel erinnert, hat mit der Fenstergröße zu tun – sie orientiert sich nicht in erster Linie an der Zimmerbreite, sondern ist schmaler gerastert, so, als lägen dahinter teilbare Großraumbüros. Die Fensterscheiben in der Rundung zur Straßenecke hin sind sämtlich auch in sich gerundet – das ist teurer, doch so wirkt die Verglasung durchsichtig und lässt den Baukörper leichter erscheinen.

Drinnen trifft der Gast nicht auf die große zweigeschossige Halle, die der äußere Eindruck erwarten lässt. Erst links von der Rezeption öffnet sich eine Lobby mit Galerien nach oben. Sämtliche Details der Einrichtung, ein paar Lampen und Stühle ausgenommen, wurden im Büro Kleihues entwickelt, jedes Detail von den Nussbaum-Möbeln bis zur kleinsten Fuge exakt vorgeplant.

Der Gast wird mit einer Fülle von neuen Detaillösungen erfreut wie der raffiniert auf Brusthöhe ins Mobiliar integrierten Minibar, mit individuell gestalteten Türgriffen, Armaturen, Waschbecken und Lampen; selbst die Teppichböden sind ein Kleihues-Entwurf. Ein paar Suiten, durchweg in der nach vorn gerichteten Rundung des Gebäudes, durchbrechen das Raster der mit fast 40 Quadratmetern sehr großen Standardzimmer: Eine ist so streng in Weiß gestaltet, dass die rote Blume auf dem Tisch wie eine Deklaration wirkt: Die Welt draußen, teilt sie mit, ist immer noch bunt.

Die Gäste werden bald entscheiden können, ob ihnen das Kleihues-Gesamtkunstwerk zusagt: Am 1.November wird es, ohne Pomp, eröffnet.

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