Berlin : Alles klar – jetzt darf gejubelt werden

Eine Stadt voller Gewinner: Hunderttausende erhoffen sich tolle Spiele und viele Händler ein gutes Geschäft

Sandra Dassler

Ulrike Stolzenwald bekommt derzeit noch mehr Anrufe als sonst. Wildfremde Leute wollen bei der 52-jährigen Erzieherin beispielsweise brasilianische Fußballtrikots bestellen. Manchmal rufen sie aus Übersee an, mitten in der Nacht. Ulrike Stolzenwald teilt den Anrufern freundlich mit, dass ihre Telefonnummer mal wieder verwechselt wurde – mit der von Nike Town Berlin, einem der größten Sportartikelshops der Stadt. Dort boomt es seit Wochen. „Die Fußball-WM hat das Geschäft enorm verbessert“, freut sich ein Mitarbeiter, „Und jetzt geht es erst richtig los.“

Dass es jetzt endlich – richtig – losgeht, hört man überall in der Stadt. Viele erwarten viel von der heute beginnenden Weltmeisterschaft. Und sie haben sich gut vorbereitet. Der Pizzabäcker an der Ecke hat seine Spezial-Flyer mit den „Top-WM-Angeboten“ in alle erreichbaren Briefkästen geworfen. Im „Caprice Head Art“ am Görlitzer Bahnhof bekommen Fans ein weltmeisterliches Hairstyling in den Farben ihrer Lieblingself verpasst. Vor dem Ostbahnhof tauschen Trinkbrüder Erfahrungen über die billigsten Bierangebote im Supermarkt aus. In den Getränkestützpunkten schwinden die Kisten besorgniserregend dahin, und sogar die Sonne zeigt Erbarmen und strahlt seit gestern mit den Biergärtenbesitzern um die Wette.

Auch die Tankstellenpächter sind erwartungsvoll. „Wir werden nicht nur mehr Kraftstoff verkaufen, sondern auch Getränke und Snacks“, sagt die Geschäftsführerin des Tankstellenverbandes, Sigrid Pook: „Gut, dass wir uns in den letzten Jahren auf ein breit gefächertes Angebot eingestellt haben.“ Dass die Benzinpreise zur WM steigen werden, erwartet sie nicht. Dafür haben manche Taxikunden bereits tiefer als sonst in die Tasche greifen müssen. „Es gibt immer ein paar schwarze Schafe“, sagt der Geschäftsführer des Taxi-Verbandes Berlin Brandenburg, Detlev Freutel, der entsprechende Hinweise vom Ordnungsamt erhalten hat. „Aber wir achten sehr darauf, dass unsere Fahrgäste zufrieden sind.“ Schon seit Tagen würde sich das Taxigeschäft spürbar beleben, berichtet Freutel. Genügend Kapazität sei vorhanden: „Wir können statt der rund 30 000 Fahrgäste pro Tag locker bis zu 100 000 transportieren.“ Mit dem Taxi kämen dieWM-Gäste am dichtesten an die Veranstaltungsorte heran – und aus möglichen Staus am schnellsten wieder heraus, das spare Zeit und Geld.

Auch viele Kneipiers haben sich etwas einfallen lassen – von Leinwänden und Fernsehschirmen bis hin zur Wandgestaltung mit den Fußballstars aus ihren Heimatländern. Da bezweifle noch einer, dass Fußball bildet: Im „Kirk“ in der Skalitzer Straße hängen die Nationalflaggen der WM-Teilnehmer. „Ich kenne sie alle“, wettet ein junger Mann. Und gewinnt.

Unerwarteten Tapetenwechsel bringt die Fußball-WM indes Berliner Untersuchungshäftlingen. Weil man ihre Zellen vielleicht für Kriminelle braucht, die während des Turniers festgenommen werden, müssen sie beispielsweise nach Mecklenburg-Vorpommern umziehen.

Genügend Zimmer sind hingegen noch in den Hotels frei. Wie berichtet, liegt die Auslastung nur bei etwa 60 Prozent, also noch unter dem Durchschnitt der letzten Jahre. „Aber wir sind sicher, dass sich das – je näher das Endspiel rückt – ändern wird“, sagt Willy Weiland, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin. Er erwartet noch viele kurzentschlossene Gäste. Außerdem hofft er auf einen langfristigen Effekt. Auch der Chef des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen, glaubt: „Wir haben die Chance für eine wochenlange kostenlose Werbung für die Stadt. Wenn die Welt sieht, dass Berlin freundlich und weltoffen ist, werden wir in den nächsten Jahren von diesem Image profitieren können.“ Weil jeder Übernachtungsgast täglich rund 36 Euro im Einzelhandel ausgibt, setzt Busch-Petersen auch auf ein „verlockendes und ausgedehntes Shopping-Angebot“. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sieht das kritisch: Etwa 10 000 von ihren 62 000 Mitgliedern müssen während der WM länger arbeiten. Neben eingefleischten Fußballmuffeln dürften sie sich als die wenigen Verlierer der Weltmeisterschaft fühlen.

Zu den Gewinnern gehören hingegen schon jetzt die Brauereien. 25 000 Liter Bier wurden allein bei der Eröffnung der Fanmeile am Mittwoch ausgeschenkt – es war ein wahrlich berauschendes Fest. Wer es stiller mag, dem empfiehlt die Stiftung Warentest heute noch schnell den Kauf eines ein leistungsfähigen Mini-Fernsehgeräts. Darauf kann man die Spiele fernab von großen Menschenmengen verfolgen. Notfalls auch an einem brandenburgischen Baggersee.

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