ALLES THEATER : Neuer Auftritt für das Schillertheater

Charlottenburger Spielstätte wird wahrscheinlich Ersatzquartier für die Staatsoper, wenn das Haus Unter den Linden saniert wird

Klaus Kurpjuweit,Christine Lemke–Matwey

In Charlottenburg könnte es bald zwei Opernhäuser geben. Nach Einschätzung des Intendanten der Staatsoper, Peter Mussbach, könnte die Lindenoper während ihrer ab 2010 geplanten Renovierung in das Charlottenburger Schillertheater umziehen. Das erklärte der zurzeit in Japan weilende Intendant der „Frankfurter Rundschau“. Laut Mussbach scheint auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), diese Lösung inzwischen zu befürworten.

Bestätigen wollten Senatssprecher Günter Kolodziej und der Sprecher der Senatskulturverwaltung, Torsten Wöhlert, dies gestern jedoch nicht. Am Wochenende hatte die Senatskulturverwaltung auf Nachfrage des Tagesspiegels noch erklärt, sie kommentiere den Stand der Verhandlungen zwischen dem Bund und dem Land Berlin in Sachen Staatsoper nicht. Kolodziej verwies am Dienstag auf die noch nicht abgeschlossenen Gespräche mit der Bundesregierung zur Finanzierung der Sanierungsarbeiten an der Staatsoper. Vorher gebe es auch keine Entscheidung über den Interimsspielort. Ob auch das Ausweichquartier Thema bei den Verhandlungen ist, ließ der Senatssprecher allerdings offen.

Ziemlich fest steht inzwischen, dass der Bund die Staatsoper nicht übernehmen wird und stattdessen die Sanierungskosten übernimmt. Auf welche Höhe diese sich belaufen, ist ebenso unklar wie die Frage, in welchem Maß sich der Bund beteiligen will. Ursprünglich war von 130 Millionen, dann von 230 Millionen Euro Sanierungskosten die Rede. 200 Millionen seien vorstellbar, so Wöhlert, unter Umständen aber auch mehr. 30 Millionen Euro hat der Berliner Kulturkaufhauschef Peter Dussmann gesammelt.

Auch herrscht offenbar Einigkeit darüber, dass das Schillertheater als Ausweichquartier die „wahrscheinlichste Lösung“ darstellt. Als nach wie vor landeseigene Immobilie liegt dies auch nahe, und was die technische Infrastruktur betrifft, liegen die Vorteile ebenfalls auf der Hand.

Alternativen wie die Kindlbrauerei in Neukölln, der Flughafen Tempelhof oder die von Mussbach entworfene „gläserne Trommel“ auf dem Marx-Engels-Platz haben sich allesamt als teurer und wenig praktikabel erwiesen. Außerdem wird auch die Komische Oper in ein paar Jahren sanierungsreif sein, und Berlin verfügte mit dem Schillertheater dann über einen bereits funktionierenden Unterschlupf.

Die Umrüstung des Hauses an der Bismarckstraße würde rund 20 Millionen Euro kosten. Die genauen Bedingungen und Erfordernisse werden aber noch geprüft. Mussbach plant in der Ausweichspielstätte zehn Premieren, die in der renovierten Staatsoper nicht unbedingt wieder aufgenommen werden sollen.

Bleiben zwei Fragen: Woher nimmt das Land die 20 Millionen für die bauliche Anpassung des Schillertheaters, und wie geht Wowereit mit der Forderung des Bundes um, der Staatsoper im Gegenzug zur Sanierungshilfe jährlich zehn Millionen Euro mehr Subventionen zukommen zu lassen? Sowohl Peter Mussbach und Daniel Barenboim für die Staatsoper als auch Stefan Rosinski für die Opernstiftung reklamieren das Geld für sich. Demnächst wird eine gemeinsame Erklärung von Angela Merkel (CDU) und Klaus Wowereit erwartet.

Die Charlottenburg-Wilmersdorfer Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) wäre von einem zeitweisen Einzug der Staatsoper in das Schillertheater begeistert. Probleme durch die Nähe zur nur wenige hundert Meter entfernten Deutschen Oper an der Bismarckstraße sieht sie nicht. Vielmehr böte sich die Chance einer engeren Zusammenarbeit beider Häuser an. Zudem stünde das Schillertheater dann nicht mehr so oft leer.

Dass es bei gleichzeitigen Aufführungen in beiden Opern zu Engpässen auf den umliegenden Straßen kommen könnte, befürchtet Thiemen auch nicht.

Die Anfänge. Das Schillertheater gehörte für Jahrzehnte zu den ersten Theateradressen Berlins. Der Ur-Bau entstand 1905/06. In den 20er und 30er Jahren gehörte das Haus zum Preußischen Staatstheater, ab 1938 unter dem Intendanten Heinrich George. 1943 wurde das Haus durch Bomben zerstört.

Der Neubeginn. Ab 1950 wurde das Gebäude neu errichtet. Das Schillertheater wurde Hauptspielstätte der Staatlichen Schauspielbühnen. Verbunden waren damit Namen wie Boleslaw Barlog, Boy Gobert, Hans Neuenfels, Peter Zadek und Bernhard Minetti.

Das Ende. 1993 wurden die Staatlichen Bühnen vom damaligen Senat geschlossen. Das Schillertheater wird seither von Tourneebühnen gebucht. ac

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